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Freundschaft im Geiste

von Pia Stengl

Wer hätte gedacht, dass sich Deutschlands berühmtester Dichter in "upgration" übte? Goethe war begeistert von der Lyrik des persischen Dichters Hafis.

Der deutsche Dichter Johann Wolfgang von Goethe und der persische Poet Hafis wären wohl gute Kumpels gewesen. Sie hätten sich die Nächte mit Saufgelagen um die Ohren geschlagen, hübschen Mädels hinterhergeschaut und sich angetrunken über ihr Handwerk, das Schreiben, unterhalten. Goethe hat es sich möglicherweise so vorgestellt, als er über Hafis schrieb:

»Und mag die ganze Welt versinken,

Hafis mit dir, mit dir allein

Will ich wetteifern! Lust und Pein

Sei uns, den Zwillingen, gemein!

Wie du zu lieben und zu trinken,

Das soll mein Stolz, mein Leben sein.«

In der Realität war ein Treffen der beiden leider rein zeitlich nicht möglich, Hafis wurde 400 Jahre früher als Goethe geboren. Außerdem sprach Hafis kein Deutsch, lebte 5 400 km von Weimar entfernt im heutigen Iran und erlebte eine vollkommen andere Sozialisierung. Oberflächlich betrachtet hatten er und Goethe wohl recht unterschiedlichen Lebensrealitäten: Andere Kultur, anderes Zeitalter, andere Religion. Und doch versteht Goethe die Vielschichtigkeit von Hafis' Gedichten und erkennt als erster deutscher Dichter dessen Brillanz. Der vergötterte Goethe ist so begeistert, dass er ihn sogar mit auf sein, in Deutschland hoch gerühmtes, Podest hieven will, ihn seinen „Zwilling“ nennt.

Hafis (ca. 1315-1390) wirkte als Hofdichter unter unterschiedlichen Herrschern und als Koranlehrer in Schiraz, seiner Geburtsstadt. Möglicherweise war er Mitglied eines Sufiordens, einer mystischen islamischen Gruppierung. Bis heute weiß niemand Hafis eindeutig zu entschlüsseln, denn seine Gedichte können auf profane, mystische und politische Weise gedeutet werden. Ein Gedicht über ein Trinkgelage kann beispielsweise auch allegorisch als Gottestrunkenheit interpretiert werden.

Noch heute ist Hafis lebendig. Er ist für viele IranerInnen Teil des Alltags, den Diwan immer griffbereit im Regal oder als Ratschlag auf der Zunge. Traditionellerweise wird sein Diwan an Nourouz, das Neujahr im iranischen Kulturraum (20. oder 21. März), als Orakel aufgeschlagen. Mit einer Frage oder einem Wunsch im Kopf, wird das Werk Hafis' zufällig geöffnet und das Gedicht, das sich dort befindet, bietet die (mehrdeutige) Antwort. Wie etwa dieser berühmte erste Satz des Diwans, über die Liebe:

الا یا ایها الساقی ادر کاسا و ناولها
که عشق آسان نمود اول ولی افتاد مشکل‌ها

»Reich mir o Schenke das Glas,

Bringe den Gästen es zu,

Leicht' ist die Lieb' im Anfang

Es folgen aber Schwierigkeiten.«

Beide Dichter haben bis heute eine hohe Relevanz für ihre Herkunftsländer, werden dort verehrt und sind bis in den Alltag präsent. Goethe (1749-1832) – einer der bedeutendsten Dichter Deutschlands, um dessen Faust keiner in einer deutschen Schule herumkommt. Hafis – einer der bedeutendsten Dichter Persiens, dessen Werk, der Diwan, in den meisten iranischen Haushalten zu finden ist. Diese Freundschaft im Geiste ist schon aufgrund ihrer Symbolik bemerkenswert. Trotz der verschiedenen Herkunftskulturen dieser beiden großen, prägenden Dichter, ähneln sie sich in ihren Interessen, in ihrer Weltanschauung und ihrem dichterischen Können. Goethe und Hafis, Mitteleuropa und Vorderasien: Goethe hätte sich gut eine Freundschaft vorstellen können, über diese, ach, so große, kulturelle Kluft hinweg, die Deutschland aktuell Kopfzerbrechen bereitet. Aber nicht nur aufgrund dieser imaginierten, transkulturellen Freundschaft ist Goethes Begeisterung für Hafis interessant: Viel spannender ist, wie sich diese Begeisterung auf Goethes literarisches Werk auswirkt.

Goethe entdeckt die deutsche Übersetzung (Joseph von Hammer-Purgstall, 1812/1813) des Diwan in der Anna-Amalia-Bibliothek in Weimar. Hafis' Werk inspiriert ihn und er erschafft 1819 selbst einen Gedichtband, den er, in Anlehnung an den Diwan, den West-östlichen Divan nennt. Für ihn zählt Hafis zu einem der größten Dichter der Zeit und er setzt sich durch ihn intensiver mit persischer Literatur, Kultur und Spiritualität auseinander. Ergebnisse dieser und schon früherer Auseinandersetzung mit der muslimischen Welt finden sich in seinen Gedichten und Weltanschauung wieder.

Sein berühmtes Gedicht Selige Sehnsucht zum Beispiel kann als das Aufgehen in Liebe zu Gott interpretiert werden („Stirb und werde!“). Diese Vorstellung ist ebenso das Kernstück des  Sufismus, der mystischen Richtung des Islam, der Hafis möglicherweise angehörte. In Selige Sehnsucht fliegt ein Schmetterling in eine Flamme, genau, wie in einem Gedicht von Hafis.

Mit und durch Goethe entstand Anfang des 19. Jahrhunderts in der deutschen Dichterwelt eine „Persophilia“, eine Faszination für Persien. Durch diese allgemeine Begeisterung fanden Elemente persischer Dichtung und Kultur – Mystik, Gefühle und Natur – in die europäische Literatur und bedingten teilweise den Geist einer Literaturepoche: die Romantik. Die Romantik prägte maßgeblich die europäische Gesellschaft und Geschichte, nicht zuletzt, die, zu dieser Zeit entstehende, Vorstellung einer deutschen Kulturnation. Die Literaturepoche also, die maßgeblich von nahöstlichen, islamischen Motiven geformt wurde, formte ihrerseits die Herausformung der deutschen Nation.

Bezüglich der Aufregung in Deutschland um neue Einwanderer, gerade aus dem nahöstlichen Raum, kann das zwei Dinge verdeutlichen. Zum einen, dass Deutschland schon lange mit dieser "fremden" Kultur in Berührung ist, ja, dass diese Teil unserer "deutschen" Kultur ist und zum anderen, dass äußere Einflüsse zu dem Wesen von Gesellschaft und Kultur gehören. Eine "Kultur" ist nie statisch, nicht abgegrenzt und nicht einheitlich. Kulturen sind immer im Wandel und Austausch, sie werden stetig verändert, von neuen und fremden Impulsen. Eine Kultur steht nicht für sich, allein, auf weiter Flur, sondern ist unentwirrbar verbunden mit anderen Kulturen und integriert ständig Neues in ihr System. Diese Elemente des gegenseitigen Austauschs und des Wandels von Kultur gehören zur Menschheitsgeschichte und sind Teil der Beschaffenheit von "Kultur".

 

Klar ist, Gesellschaften waren schon immer miteinander verwoben und werden sich auch weiterhin miteinander verweben. Die Verwobenheit Deutschlands mit dem Nahen Osten ist durch die Flüchtlingsbewegung in den letzten Jahren zu einem Politikum geworden. Viele sind besorgt um unsere "deutsche" Kultur oder haben Angst vor "dem Islam". Die Angst vor Unbekanntem und vor Veränderung ist menschlich. Diese Sorgen entstehen jedoch aus dem Missverständnis heraus, dass eine Kultur statisch wäre und dass man sie abgrenzen könne. Wie oben beschrieben, entspricht das nicht der Realität. Weitet man den Blick von diesem aktuellen Geschehen auf die Geschichte der Menschheit aus, erkennt man, dass solche Veränderungen seit jeher dazu gehören und ganz einfach normal sind. Außerdem äußern sich diese Sorgen eh etwas zu spät, denn schon Goethe schrieb:

»Wer sich selbst und andere kennt,

Wird auch hier erkennen:

Orient und Okzident

Sind nicht mehr zu trennen.«

Vielleicht sitzen Goethe und Hafis ja gerade zusammen auf einer Wolke und kippen ein Gläschen Rotwein auf diese Erkenntnis.

Mehr zu Hafis: Auf der Seite der Universität Leipzig finden sich die Gedichte von Hafis' Diwan auf Persisch und in englischer und deutscher Übersetzung.


Autorin: Pia Stengl | Fotos: Julius Matuschik

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