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Lange warten und Tee trinken

Meine verstohlenen Blicke sind nicht Teil deiner Erinnerung. Du sitzt mit überkreuzten Beinen vor mir. Vor mir erschließt sich ein mögliches Bildnis. Was wäre denn, wenn du mir ähneln, mich verstehen und Mitgefühl für all das erzwungene Verdrängen zeigen könntest? Was wäre, wenn du dich so zeigen könntest, wie ich dich jetzt, genau in diesem Moment brauche? Es wäre Selbstlüge.

Ich betrachte deine Beine, du treibst Sport. Stramme Waden müssen ja kein Manko sein, sind bei Frauen aber nicht unbedingt das, was Männer sehen wollen. An den Knöcheln ragen weiße Socke heraus, verziert mit zwei verschieden farbigen Balken, blau und rot.

Mir fällt in diesem Moment nichts Besseres ein, als müde zu lächeln.

Ich frage dich, sahst du schon einmal ein Blumenmeer im Februar, vor dir sterben? Sie lagen überall auf dem Beton verteilt. Eine von ihnen dichtete aus Kummer und Trotz in ihrer Blütezeit - sie hat zu lange gelegen und zu kurz gelebt. Selbst eine einzelne meiner Tränen vermochte es nicht, sie zu wässern. Knospen verdorren vor deinen und meinen Augen. Vielleicht bist du in diesem Momen empathisch genug, um vor mir deine Gleichgültigkeit mit einem angespannten Nicken zu kaschieren. Ich erkläre es dir immer und immer wieder, sie werden so trocken, dass sie nicht überleben können. Doch der Tod ist dir zu abstrakt. Er ist 15 Kilometer von uns entfernt, 2143 Schritte, eine halbe Stunde. Auch das scheint weit weg genug von dir zu liegen. Du definierst dich nicht über Entfernungen, Unterschiede, Befindlichkeiten, sondern über Gemeinsamkeiten, als deutsch, normal. Ein Migrant wandert und wird nicht als solcher gelesen. Er verdurstet doch nicht, es fließt und gedeiht und die Brockhaus Enzyklopädie erklärt uns die Welt, auf Deutsch - doch du fühlst nichts.

Deine Intelligenz versagt.

Du setzt dich vor mich hin und überschlägst die Beine. Diese Sitzhaltung begünstigt einen krummen Rücken, so lese ich es auf Google und behalte meine Weisheiten für mich. Schreist du deswegen Liberté, Égalité, Fraternité? Weil die Eltern während Reportagen über rechtsterroristische Anschläge nicht auf ihrer Muttersprache reden dürfen? Die Kinder sind tot, weil ihre Eltern gewandert sind, sich selbst in Kategorien gesteckt habe.

Es zermürbt mich, deine Wahrheit zynisch zu kommentieren. Du bittest mich darum, am Ende eine Moral von der Geschichte zu rezitieren, um zu beruhigen.

Sie sind gewandert, um hier zu überleben.

Sie haben Rassismus erduldet, um hier weiter zu leben. Hier konkretisiere sich das Undenkbare, die Kinder sind ermordet worden. Hier steht und fällt das Leben mit der Herkunft. Und nun krümmen sie sich vor Grabkerzen. Du hingegen wirst vom lauter Beine Überschlagen Rückenschmerzen bekommen.

Die Erinnerung an dich wird verblassen. Vergiss nicht, Knospen verdorren, Blumen sterben.

Wir sind nicht gleich. Ich bin untröstlich.

 

22.Februar 2021

Text: Cansev Duru ist Sozial- und Politikwissenschaftlerin. Sie arbeitet in der politischen Bildung mit einem besonderen Fokus auf Antidiskriminerung und intersektionalen Feminismus. Als freischaffende Autorin vereint sie Engagement und Kunst in gesellschaftskritischen Texten. Sie ist Mitglied des deutsch-syrischen Autorenblogs Literally Peace, tritt seit 2017 deutschlandweit als SpokenWord Künstlerin auf und organisiert Workshops sowie Lesungen.

 

Bild: Victoria Nieswiec



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