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Stoff zum Schneidern

Was der Tod mit Heimat zu tun hat und was mich dazu motiviert, eine Gesellschaft für das Morgen zu gestalten.

von Sebastian Cunitz

Sicherlich finden es viele Menschen befremdlich, den Tod als so etwas wie "Heimat" zu bezeichnen. Es gibt bestimmt auch schönere Assoziationen zu diesem viel diskutierten Begriff, das gebe ich zu ... In meinem Verständnis gibt der Tod mir allerdings eine Klarheit, die ich als eine Heimat begreife.

Es ist die Gewissheit über das Ende meines Lebens und damit verbunden auch die Einsicht, dass ich im Tod nichts mehr ändern kann. Die Reise des Lebens endet im Tod. Aus dieser Erkenntnis schöpfe ich Kraft, meine Biografie und mein Leben selbst zu gestalten. Mein Umfeld, meine Arbeit, meine Gedanken, meine Interessen, meine Werte, meine Ernährung, mein Leben eben. So habe ich zum Beispiel den Ort, an dem ich aufgewachsen bin, verlassen, da ich damals wie heute keinen Weg sehen würde, dort meine Bedürfnisse und Erwartungen an ein erfülltes Leben gewährleisten zu können. Immer wieder habe ich mich weiter bewegt und habe schon diverse „Wahlheimaten” hinter mir gelassen.

»Ich persönlich habe keine Angst mehr vor dem Tod.«

Als Kind einer Bestatterfamilie durfte ich schon sehr früh mit Themen und Situationen in Berührung kommen, die andere schlichtweg ekeln oder nicht wahr haben wollen. Auch deshalb war die Schule nicht immer ein einfacher Ort für mich. Als Erwachsener wiederum wundere ich mich oft, da ich Menschen treffe, die mit dem Tod bis heute nicht umgehen können oder wollen.

Dabei könnte man das Leben grundsätzlich als Prozess des Sterbens beschreiben. Wann, wo und wie der Tod eintritt, kann und will ich nicht wissen. Auch nicht, was mich in oder an diesem "Dort" erwartet. Sonst wüsste ich auch um meine Zukunft. Eine Information, die mein Leben entscheidend beeinflussen könnte. Der Tod ist das einzige Gefühl, das wir nicht wahrnehmen oder beschreiben können. Ein Dort, welches wir auch nicht ändern können. Dieser Umstand wird wahrscheinlich für immer so bleiben. Ganz anders ist es mit dem Jetzt. Dem Leben. Meinem und deinem Leben. Warum sollte man mit den Dingen warten, die einem wichtig sind? Ich persönlich habe keine Angst mehr vor dem Tod. Und genauso wie es mit allen Ängsten im Leben ist: wenn man sie überwunden hat, können neue Perspektiven und Optionen wahrgenommen werden. Die Prioritäten verschieben sich.

Ein Haus, Gesundheit, Erfolg, Familie, Reisen, Bildung, bloßes Überleben oder eigene Unversehrtheit – dies sind nur einige der zahlreichen Beweggründe dafür, am eigenen Leben und den dazugehörigen Umständen etwas ändern zu wollen oder gar zu müssen. Sie begründen die Suche aller Menschen nach Orten, an denen sie leben, ihre Ideen verwirklichen, ihre Sehnsüchte erfüllen können. Sie sind der Beweis dafür, dass Menschen nicht für immer an einem Ort bleiben können, geografisch aber auch geistig.

Ist ein solcher Ort gefunden, an dem sich Wohlgefühl einstellen kann, oder umgekehrt, wo das Wohlgefühl zu verorten ist, frage ich mich, ob dies dann schon die Definition von Heimat ist. Oder handelt es sich in diesem Fall nicht eher um eine Wahlheimat, da man aktiv einen Ort geografisch oder geistig verlassen hat, um sein Ziel zu verfolgen und so zu einem neuen Punkt in seinem Leben gelangt ist?

»Heute, also im Jetzt, kannst du, kann ich etwas verändern und damit wirken.«

Wenn aktuell im öffentlichen Diskurs "Heimat" als scheinbar gegebenes Phänomen verstanden wird, dann äußert sich darin ein sehr passives Verständnis von Zusammenleben. Für mich steckt dahinter die zentrale Frage, ob wir Heimat als etwas anerkennen wollen, für das niemand einen Wunsch oder eine Vision beisteuern kann. Etwas, das einfach da ist, bleibt und nicht gestaltet werden kann. Aus meiner Sicht wäre das wie in eine Wohnung zu ziehen und keine Möbel oder sonstige Einrichtung auszusuchen, denn die Wohnung ist ja schon da. Dahingegen wohnt dem Begriff „Wahlheimat“ in meinem Verständnis ein Aufruf an das Leben und das Gemeinschaftliche inne. Eine Motivation, seine aktuelle Umgebung und die Lebensumstände so zu gestalten und miteinander auszuhandeln, dass alle profitieren und sich die Gemeinschaft selber trägt. Wahlheimat ist also aktiv und zukunftsorientiert, egoistisch und kollektiv zugleich. Etwas, das allen Menschen zusteht und deshalb durch und durch demokratisch ist.

Der Tod gibt das Ende vor. Er ist die Heimat, die man nicht ändern kann. Heute, also im Jetzt, kannst du, kann ich etwas verändern und wirksam sein. Deshalb wünsche ich mir viele Gespräche darüber wie wir morgen Leben möchten. Oder anders gesagt: Ich wünsche mir, dass wir zusammen wieder Visionen einer Wahlheimat formulieren, die für alle Menschen ausreichend Stoff zum Schneidern bereithält.

 


Text: Sebastian Cunitz | Graphik: Marlene Ost |

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