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Ein Maskottchen für „Wahlheimat“

Ein Einsiedlerkrebs in der Redaktion

von Marlene Obst

Ich sammele gerne Muscheln. Immer schon schleiche ich lieber erst einmal tief vorgebeugt durch den Sand, als mich wie andere direkt jauchzend ins temperierte Nass zu stürzen. Den Blick immer starr auf die potenzielle Beute geheftet, können so Stunden vergehen. Mit den Jahren ist dabei einiges zusammengekommen. Jede Muschel, jedes Schneckenhaus repräsentiert eine Reise, einen Strand, viele Erinnerungen. Allerdings auch solche an besonders schöne Schneckenhäuser, die buchstäblich vor mir davon gelaufen sind. Denn bei meiner Jagd kommen mir oft kleine Gliederfüßer zuvor und verbarrikadieren sich im Objekt der Begierde, oder hasten damit auf kleinen gegliederten Beinen durch den Sand davon. Sie sind fast überall auf der Welt anzutreffen und bewohnen meist die attraktivsten aller Schneckenhäuser. Die Rede ist von Einsiedlerkrebsen - im Englischen Hermit crabs.

 

 

Wahlheimat und rennende Schneckenhäuser

Während der Planung für „Wahlheimat“, unserem ersten Themenschwerpunkt auf Upgration, fiel mein Blick spontan auf eine Ausgabe des Cameo Magazin Nr. 3. Auf dessen Titelseite dreht die Hamsterdame „Lady Larry“ etwas skeptisch von außen an ihrem Hamsterrad herum. Das Magazin vereint Texte zum Thema „Ankommen“ und Larry musterte sich damals beim Covershooting irgendwie zum Maskottchen des Ganzen. Süße Tiere ziehen doch immer! Oder?

Ein Maskottchen hierfür wäre also auch nicht schlecht, schon um das Ganze etwas aufzulockern“, schoss es mir durch den Kopf und aus irgendeinem Grund stapfte direkt ein kleiner Einsiedlerkrebs quer durch meinen Hinterkopf. Zugegeben ich fand die kleinen Kerlchen schon immer irgendwie süß und konnte ihnen „die Besetzung“ meiner auserkorenen Schneckenhäuser nie böse nehmen, aber inwiefern repräsentiert ein solcher Krebs im Schneckenhaus nun das Thema „Wahlheimat“? Tatsächlich stellte sich nach näherer Betrachtung heraus, dass sich ein Einsiedlerkrebs durchaus als Maskottchen eignet und einige themenrelevante Aspekte in sich vereint. Und so krabbelte Hermie mit einer Auswahl an verschiedenen Häusern auf die Bildfläche und auf unseren Flyer zum Thema.

 

Heimat ist und bleibt für jeden etwas anderes und genau deswegen steht Hermie für mich auch nicht nur repräsentativ für „Heimat“ sondern vor allem für Wahl. Die kleinen Krebse leben fast überall auf der Welt. Sie bewohnen die Tiefsee, das Wattenmeer und den ein oder anderen pazifischen Strand. Da ihr Hinterteil keinen eigenen Chitinpanzer ausbildet, ist ein jeder Einsiedlerkrebs mit dem Ende des Larvenstadiums gezwungen, in eine sichere Behausung einzuziehen. Dies sind in der Regel leere Schneckenhäuser die über den weichen Hinterleib gestülpt werden. Im Laufe ihres Lebens wachsen und häuten sich diese Krebse weiter, damit wird es schnell eng in einem solchen Konstrukt aus Kalk. Ihr Hintern steckt also immer in einer temporären Behausung. Sie kommen nie wirklich an einem Ort an, sind immer auf der Suche.

Einsiedlerkrebse sind bei dieser Suche durchaus wählerisch, allerdings nicht auf Äußerlichkeiten fixiert. Hauptsache der Hintern, und bei Gefahr auch der ganze Krebs, passen bequem in die neue Behausung hinein. Bewohnt werden neben Schneckenhäusern auch kalkhaltige Wurmlöcher, Deckel von Zahnpastatuben und anderer Glas- oder Plastikmüll. Die Krebse erweisen sich hierbei dem Faktor Mensch gegenüber als äußerst anpassungsfähig und können sich in Behausungen wohlfühlen, die auf den ersten Blick unpassend erscheinen. Laut tierchenwelt.de verdanken Einsiedlerkrebse ihren Namen übrigens nicht ihrem Verhalten. Die Gliederfüßer sind oft sehr gesellig und leben gerne in Gruppen. Laut lernhelfer.de wandern diese Zehnfußkrebse nun schon seit über 600 Millionen Jahren durch die Meere und über die Strände dieser Erde. Ihre Chitinpanzer zeigen ein vielfältiges, buntes Farbspektrum von blau über grau, braun und rot bis leuchtend gepunktet. Heute sind uns über 32 000 Arten bekannt, wobei die größten bis zu 15cm groß werden. Was ich besonders sympathisch finde, ist die Tatsache, dass es auch unter diesen kleinen Krebsen Links- und Rechtshänder gibt. Die jeweils größere Schere dient hierbei als Schutz und Tür, mit der der Eingang zur eigenen Behausung verschlossen werden kann. Die unterschiedlichen Arten weisen viele Gemeinsamkeiten auf, besonders typisch ist aber der stetig wachsame und leicht skeptische Blick aus ihren Stilaugen, mit denen sie die Welt um sich herum betrachten. Das ist zumindest mein Eindruck, wenn immer mir einer dieser kleinen Gliederfüßer über den Weg läuft. Daher habe ich versucht, unserem Hermie besonders expressive Augen zu verpassen. 

Und wenn ihr das nächste mal ein buntes Schneckenhaus im Sand entdeckt, dann stellt erst einmal sicher das es nicht schon von einer oder einem kleinen Hermie bewohnt ist. 

 

 


Im Rahmen des Themenfokus #Wahlheimat auf upgration.de zeigen wir bis Ende 2018 verschiedene Perspektiven auf das Thema. Zeige uns Deine Gedanken dazu und komm vorbei oder schreib uns an: redaktion@upgration.de 

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