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Eine Gebetskette aus Elfenbein

von Cansev Duru 

Zu Hause wurde türkisch geliebt oder gar nicht. Ich dachte, mit solchen Ultimaten aufzuwachen wäre eine Eigenart von migrantisch stämmigen Familien. Also erzählte ich meiner Mutter von männlichen Freunden, die manchmal mehr waren, oftmals nicht einmal das. Während des Älter Werdens verdrängen die Kinder, ihre Eltern nach jeder Sekunde wahrzunehmen zu wollen. Plötzlich sehen sie ihre grauen Haare und die übrige Zeit ist viel zu kurz.

„Zu Hause wurde türkisch geliebt oder gar nicht."

Meine Eltern sind kompromissbereiter, ich ruhiger geworden. Einen Freund zu haben war für mich ein Plan, kein Gefühlszustand. Dann wurde ich 20 und studierte in der Stadt. Die Luft war dreckiger, die Autos mal enger und mal größer, die Auswahl blieb gläubig, ich nicht. Die Veränderungen der letzten Jahre verinnerlichte ich eine Weile anhand der Qualität meiner Dates und nächtlichen Küsse. Nach Mitternacht fing ich jedes Mal von vorne an, zu zählen. Ich zählte sie vor jeder einzelnen Apfelblüte, den Bächen und Flüssen, den Wolkenkratzern, vor veganen Restaurants und dem helal Burgerladen in Bornheim. Einmal zählte ich sie vor ihm auf. Sein verdunkeltes Gesicht zwang mich, damit für eine lange Weile aufzuhören. Ich hatte mal etwas mit einem Chinesen, das ist jetzt bloß noch eine lahme Anekdote. Schau mal, wie viele unterschiedliche Sprachen mich in kurzer Zeit berauscht haben. Der Nepalese war tatsächlich nur ein Freund. Ob ihre Nationalitäten eine Rolle spielen, fragte meine Freundin. Ich sagte, ich war die Türkin, die Muslimin, für sie. Heute will ich nein sagen.

„Ein Plan, kein Gefühlszustand."

Mein Vater brachte aus seiner Pilgerfahrt von Mekka eine Gebetskette mit. Sie war angeblich aus Elfenbein. Kalk und Calciumphosphat, tote Knochen, pervers. Während ich sie angeekelt durch meine Finger gleiten ließ, spürte ich weder Gott, noch Teufel. Ich werde sie vor der Öffentlichkeit verstecken, um nicht getadelt zu werden. Die Liebe ist ein Fetisch, entweder bin ich Yasemin oder Sibel, Hatun oder ne Eiche. Ich darf nichts oder muss sterben, wenn ich weder Türken, noch Muslime ficke. Also schalte ich den Fernseher ab. Die Liebe durfte ich nicht. Im Alter ist sie dann wenigstens ein Kompromiss.

 

Text: Cansev Duru schreibt und lebt in der deutschen Diaspora. Sie schreibt deshalb politische Lyrik, gerne auch mit türkischen Wörtern im Gepäck und dem Tespik um den Hals. Sie ist Mitglied des deutsch-syrischen Autor*innenblogs Literally Peace. Seit 2017 tritt Cansev deutschlandweit als Spoken-Word Künstlerin auf. Die Gedichte der studierten Soziologin und Politikwissenschaftlerin erschienen in Anthologien und Magazinen. Sie arbeitet als Referentin in der politischen Bildung.
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Foto: Cihan Cakmak schloss 2017 ihren Bachelor in Fotografie an der Fachhochshule Dortmund ab. Sie ist Stipendiatin der Friedrich Ebert Stiftung und bildete sich nach ihrem Bachelor in Lissabon an der IADE und in New York am International Center of Photography weiter. Aktuell lebt sie in Leipzig und studiert Fotografie an der Hochschule für Grafik und Buchkunst.

Im Beitrag "when we leave" könnt ihr noch mehr Fotos von Cihan finden.



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