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Heimat ist was für Romantiker

von Susanne Eser

Wer mich bis vor kurzem zum Thema Heimat befragte, erntete ein Lächeln. Schließlich weiß ich, wo ich herkomme und wo ich meine Kindheit verbracht habe. Doch ganz so einfach ist es nicht ...

In meinem Alltag finden sich Spuren meiner Großeltern. Das handgearbeitete und vom Mund abgesparte Küchenbüffet in meinem Esszimmer, eine wundervoll schimmernde dreireihige Wachsperlenkette, ein altes Spitzenkopftuch sowie eine handgearbeitete ungarische Tracht mit glasperlenbestickter Samtkrone, die die Frauen der Familie meiner Großmutter stolz getragen haben bis hin zu meiner eigenen Tochter. Heute am 3. November 2016 – einen Tag nach Allerseelen – ist der Geburtstag meiner Großmutter Elisabeth, ihr Todestag war vor zwei Wochen. Seit Ende Oktober begleiten mich immer wieder die Gedanken an sie und ihr Leben.

Wer mich bis vor kurzem zum Thema Heimat befragte, erntete ein Lächeln. Heimat – etwas für Romantiker. Schließlich weiß ich, wo ich herkomme und wo ich meine Kindheit verbracht habe: Im Haus meiner Eltern väterlicherseits, das mein Großvater gebaut hat. Zudem fühle ich mich als Europäerin! In einem Gespräch im vergangenen Jahr wurde mir schlagartig bewusst, dass es aber auch eine Ebene in meinem Bewusstsein gibt, in welcher ich nicht wirklich weiß, wohin ich gehöre. Mir fehlt das Gefühl, irgendwo richtig angekommen zu sein. Plötzlich stand da dieses diffuse Gefühl im Raum, das ich kenne, aber nie wirklich umreißen konnte, geschweige denn zu fassen bekam. Es ist so ein bisschen wie Dunst am Morgen, licht und hell, zartfarbig durchscheinend, aber nie ganz klar… Es schafft Abstand zwischen mir und der Welt. Das ist an sich kein Problem, doch irgendwie ist es immer dazwischen – wie ein Filter.

»Das verlorene Paradies meiner Großeltern mütterlicherseits, emotional hoch idealisiert, liegt zwischen mir und der Welt um mich herum.«

Es gibt Fotos aus einem Leben, das ich nur aus Erzählungen kenne. Nie wäre ich auf den Gedanken gekommen, ein Kind aus einer Flüchtlingsfamilie zu sein. Und doch war das eigentlich schon immer klar. Ich kann einiges über das Leben meiner Großeltern in ihrer dörflichen Lebensgemeinschaft nachlesen, weil ich einen Erinnerungsband besitze, der den Alltag im heutigen ungarischen Teil des Burgenlandes beschreibt (Neuberger, Johann, Heimatbuch der Gemeinde Zanegg, Mosonszolnok bei Wieselburg (Moson) in Westungarn. Vergriffen. Es erschien ein Nachfolgeband ). Dort sind Berichte über die Erschütterungen aus dem Zweiten Weltkrieg nachzulesen, die auch mein Leben nachhaltig beeinflussten, obwohl ich mich innerlich vehement dagegen wehrte. In dem Heimatbuch meiner Großeltern lese ich in der Einleitung auf der vierten Seite: „Die Erinnerung ist das Paradies, aus dem wir nicht vertrieben werden können.“ Weiter schreibt Peter Oswald: „Möge dieses Buch für alle, die Zanegg und die Vertreibung noch erlebt haben, ein Türchen zu diesem Paradies sein, für die folgenden Generationen aber ein Dokument, das ihnen ihre Herkunft bezeugt, damit sie uns, die ‚Erlebnis-Generation‘, besser verstehen und ihre Zukunft bewusster gestalten.“ Das ist es. Das verlorene Paradies meiner Großeltern mütterlicherseits, emotional hoch idealisiert, liegt zwischen mir und der Welt um mich herum: Eine wohlsituierte und geordnete dörfliche Lebensgemeinschaft mit Landbesitz in einer unendlich weiten, sehr fruchtbaren Landschaft, getaucht in wunderbares Licht, dort, wo der Himmel die Erde berührt. Meine Großmutter ging in die Klosterschule, einer ihrer Brüder war musikalisch begabt, ein weiterer wurde Priester.

Heute glaube ich, meine Großmutter starb an gebrochenem Herzen nach einer unendlichen Leidensgeschichte. Ich selbst war gerade mal ein Jahr alt und habe keine Erinnerung an sie – lediglich ein Foto zeigt mich als Baby mit meiner Mutter und ihr. Und doch haben die Erzählungen meiner Mutter ihr Leid so lebendig mit unserem Familienalltag verknüpft, dass ihr Leben für mich als Kind ständig präsent war.

Eigentlich ist das sehr merkwürdig, da meine Mutter erst in Deutschland zur Welt kam und die Vertreibung gar nicht selbst erfahren hat. Nach den gängigen Vernunftsmaßstäben hat meine Mutter Glück gehabt, nicht miterleben zu müssen, wie meine Großmutter ihre älteste Tochter bei der Schwägerin in Ungarn zurückließ, hochschwanger mit ihrer Familie in den letzten Zug nach Süddeutschland stieg, der Zug auf der Strecke Zwischenstation machen musste, weil die Entbindung anstand. Die Insassen des Zuges warteten, bis meine Großmutter mit dem Neugeborenen dann wieder einstieg und die Reise fortgesetzt werden konnte. In Süddeutschland angekommen, wollte niemand eine männliche Arbeitskraft anheuern, die eine Frau, ein Neugeborenes, zwei Kinder und zwei Alte zusätzlich durchbringen muss, „zuviele Esser für zu wenig Arbeitskraft“. So blieben der Familie zwei Zimmer und meinem Großvater eine Anstellung im Straßenbau. Mein pragmatischer Großvater machte das Beste aus seiner Lage, genauso wie der älteste Sohn, mein Patenonkel. Er arbeitete, baute ein Haus und war für uns Kinder ein betagter zufriedener Mann. Meine Großmutter scheint emotional an ihrer Lage verzweifelt zu sein. Immer wieder war sie für längere Zeit in psychiatrischer Behandlung. Mir scheint, als ob ihre innere Verzweiflung über den Verlust der Heimat sie auch im äußerlichen Leben isoliert hat. Dem Sohn und den vier Töchtern folgte noch ein Junge. Er starb in seinem ersten Lebensjahr. Er ist gerade einmal zehn Jahre älter als ich.

Ich frage mich, wie wäre mein Leben verlaufen, wenn der mütterliche Teil meiner Familie nicht vertrieben worden wäre? Wäre es besser gewesen? Hätte sich die Paradiesvorstellung im ländlichen Idyll erfüllt? Ich stelle fest, dass diese „paradiesische Erinnerung“, die ich selbst ja nur aus zweiter Hand kenne, für mich eine wundervolle Möglichkeit ist, dem Alltag zu entkommen. Ständig kann ich gedanklich die Option, „es hätte besser sein können, wenn…“ durchspielen und träumen. Nach außen passe ich mich an, im Inneren brodelt sehnsüchtig die Unruhe – eine diffuse Sehnsucht nach einem Ort, den es nicht gibt.

In diesem Frühjahr hat sich der Dunst verzogen. Freie Sicht – Realitätschreck. Das Heimatbuch über das Dorf meiner Großeltern, das seit Jahren bei mir im Regal steht, habe ich endlich ganz gelesen und meine Vorfahren auf den Fotos entdeckt. Nun war die Zeit reif, diesen magischen Sehnsuchtsort, den ich als Kind einmal auf einer Durchreise kennengelernt hatte, aufzusuchen, einen Vorort-Abgleich zu starten zwischen den Erzählungen aus meiner Familie, meinen eigenen Gefühlen und Traumbildern und dem realen Ort.

»Noch gibt es viele alte Gräber mit den Namen derjenigen, deren Familien nicht mehr vor Ort sind.«

Ich stieg ins Auto und fuhr los. Es war ein zäher und langer Weg dorthin. Auf dem Weg nach „Zuhause“ beschlich mich das seltsame Gefühl, vielleicht nie anzukommen. Und dann endlich stand ich mitten im Dorf am gepflegten Kriegerdenkmal, die Namen lesend, die mit meiner Familie verbunden sind. Es überkamen mich Gefühlsschauer. Ich ging in die Kirche, bin im Dorf herum gestreift, habe mir die Gärten am Dorfrand angesehen, den Friedhof besucht. Noch gibt es viele alte Gräber mit den Namen derjenigen, deren Familien nicht mehr vor Ort sind. Viele Grabsteine zerfallen. Die Namen sind unleserlich geworden. Es ist schön zu sehen, dass sie nicht weggeräumt werden. Die zerfallenden Steinkreuze werden würdevoll auf den Boden gelegt als Spuren und Zeugen aus vergangenen Zeiten.

Das Dorf hat sich erneuert, es ist größer und moderner geworden. Der Kirchplatz ist liebevoll gestaltet. Die Menschen leben umgeben von üppiger Natur. Es scheint, als ob Himmel und Erde sich unmittelbar berührten, so weit ist das Land.

Mitten im Dorf und im Eingang der Kirche sind die Erinnerungen an die Familien, die vertrieben wurden, in Stein gemeißelt. Es gibt im Ort noch Menschen, die sich erinnern. Hier ist niemand vergessen. Damit bleibt auch die Geschichte meiner Familie lebendig. Das Haus meiner Urgroßeltern ist heute das Haus einer Familie, die ich nicht kenne. Ich wollte sie nicht stören. Für mich ist es gut, so wie es ist.

Plötzlich empfinde ich große Dankbarkeit für den Mut und die Leidensfähigkeit meiner Familie. Erst vor Ort wurde mir die Tragweite ihrer Entscheidung, das Unbekannte zu wagen und dafür ihr Leben einzusetzen, in vollem Ausmaß bewusst. Ihre Risikobereitschaft hat es ermöglicht, dass ich heute hier mein Leben gestalte und auf ihre Erfahrungen zurückgreifen kann. Ein Geschenk, das mir hilft zu versuchen, die nächste Generation gut in die Zukunft zu begleiten.

Infobox: Infolge des Zweiten Weltkrieges wurde etwa die Hälfte der ungarn-deutschen Bevölkerung zur Zwangsarbeit in die Sowjetunion verschleppt oder nach Deutschland vertrieben. Die Ausweisung der Ungarndeutschen beruhte auf Artikel XIII des Potsdamer Abkommens, der die Überführung aller in Ost- und Mitteleuropa lebenden deutschen Bevölkerungsanteile nach Deutschland festlegte oder diese nachträglich legitimierte. Die Zahl der insgesamt zwischen 1944 und 1950 aus dem östlichen Europa geflüchteten und vertriebenen Menschen ist umstritten. Man geht von über 12 Millionen Betroffenen aus, wobei unklar ist, wie viele während der Neuordnungs­prozesse ums Leben kamen.


Text und Fotos: Susanne Eser | Graphik: Frydia von Hinüber | Dieser Text ist zuerst im Cameo Magazin #3 Ankommen erschienen.

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