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Heimatflimmern

Über das wohlige Gefühl, das sich einstellt, wenn man altbekannte Serien immer und immer wieder ansieht.

von Linda Böhm

Da ist er wieder: Dieser kurze Moment, in dem sich ein kleines Unwohlsein, ein kleines bisschen Trotz des heutigen Tages in mir ausbreitet. Also kuschele ich mich aufs Sofa, lasse mich in die gemütlichen Kissen fallen und schalte die Gilmore Girls an – meine Lieblingsserie. Kaum erklingen die Stimmen der beiden Hauptprotagonistinnen – Lorelay und Rory Gilmore, Mutter und Tochter, beste Freundinnen, hübsch, klug, mädchenhaft, aber nicht zu sehr, die meinem Freund immer viel zu schnell sprechen, sodass nur jedes zweite Wort in diesem Wortfeuerwerk für ihn verständlich ist – breitet es sich in mir aus: Ein Gefühl aus Zufriedenheit und dem Sich-in-eine-Welt-fallen-lassen, in dem nichts neu, aber fast alles wie Zuckerwatte ist, das mit seiner Art und Weise Wärme, Glück und Gemeinschaft ausstrahlt.

Fast jede Folge der Gilmore Girls beginnt damit, dass Rory und Lorelay in ihrem Stammcafé „Luke's Diner“ eintrudeln und nach starkem Kaffee lechzen. Luke serviert ihnen den Kaffee widerwillig, da die beiden seiner Meinung nach viel zu viel davon trinken. Dabei wird wortwitzig gescherzt und persönliche Details oder Gemütszustände ausgetauscht. Schon auf dem Weg zu Luke’s Diner und auch bei Luke treffen die beiden Frauen viele Bekannte und Freunde, mit denen ein kurzes Gespräch entsteht. Dieses Kleinstadtambiente der Serie erinnert mich sehr an meinen Stadtteil, in dem ich aufgewachsen und in den ich nach meinem Studium wieder zurückgezogen bin. Auch ich habe eine sehr enge Beziehung zu meiner Mutter. Zwar gehen wir nicht jeden Tag gemeinsam Kaffee trinken, aber wir arbeiten zusammen in einem kleinen Büro. Und während also die Serie weiterhin meine Wohnung erfüllt, schweifen meine Gedanken ab, über die Gässchen von Stars Hollow, über die meiner Kindheit und bleiben schließlich hängen: Heimat.

»Und trotzdem gibt es Folgen, in denen ich zu meinen Lieblingsstellen zurückspule.«

Die Gilmore Girls erinnern mich an das, was für mich Heimat bedeutet: Ein Gefühl tiefer Verbindung, das Viertel meiner Heimatstadt, in dem ich groß geworden bin. Heimat ist mein Freund, meine Familie. Und wenn ich die Serie mit ihren sieben Staffeln plus Extrastaffel laufen lasse, entsteht ein ähnliches heimeliges Wohlbefinden. Ich fühle mich zufrieden, wenn ich kurz in diese andere Welt eintauchen kann, egal wie zuvor meine Laune war – meistens jedenfalls. An Tagen, an denen ich im Hintergrund einen Geräuschpegel brauche, können die Gilmore Girls meine kleine Wohnung mit ihren Stimmen füllen, ohne, dass ich wirklich etwas verpasse – vor allem weil ich die Serie schon in- und auswendig kenne. Und trotzdem gibt es Folgen, in denen ich zu meinen Lieblingsstellen zurückspule, wenn ich sie während des Kochens in der Küche nicht aufmerksam genug verfolgt habe.

Ich frage mich, ob Heimat nicht so ähnlich funktioniert. Heimat läuft manchmal nebenbei, sie ist einfach da, ohne, dass ich sie großartig beachte. Ich habe meine Lieblingsmomente und -orte, meine Lieblingseigenschaften eines Menschen, die mir ein nur für mich gedachtes Lächeln auf die Lippen zaubern. Menschen, die mein Empfinden umso mehr in die Tiefe gehen lassen. Bin ich einmal länger weg und komme zurück in meine oder zu meiner Heimat, empfinde ich ebenfalls dieses überwältigende Gefühl tiefer Verbindung, das anderen so schwierig zu erklären ist. Dieses Gefühl der Verbindung lässt Wärme in mir ausbreiten. Manchmal tut genau das aber auch weh. Zum Beispiel, wenn ich einen Teil Heimat in mir verliere, mich zum Beispiel ein geliebter Mensch verlässt.

»In diesen Eigentümlichkeiten fühle ich mich zuhause.«

Bei den Gilmore Girls beginnt dieses Gefühl schon mit der Titelmelodie, die ich natürlich mitsingen kann – jeder Ton sitzt. Es ist das „Bekannte“ und das einfache Wissen: Das was kommt, das ist mir nah. Wenn ich mit dem Zug zurück in meine Heimatstadt einfahre und die ersten Häuser sehe, verspüre ich Vorfreude. Ich spüre diese Nähe, sie flimmert bis in die Fingerspitzen und lässt meine Augen leuchten. Meine Heimat ist die Straße, in der ich schon immer ein Haus haben wollte, ist zu wissen, wie viele Meter ich rennen muss, um mich bei Regen unter dem nächsten Dach unterzustellen. Sie ist der Geruch der Wohnung, in der ich von meiner Geburt an 20 Jahre meines Lebens wohnte. Ein besonderes Parfüm aus Waschmittel, Essen, Holz, den Cremes meiner Mutter und den Menschen, die dort leben. Aber meine Heimat liegt auch in meinen Liebsten: Egal wo ich bin, wenn zum Beispiel meine Schwester vor mir steht, ist da Heimat. Mit ihr kann ich dieses besondere Gefühl überall hin mit hinnehmen, wenigsten ein Stück.

Die Art, wie die Figuren in Gilmore Girls miteinander umgehen, die Weise, die die Hauptprotagonistinnen leben und für richtig halten – ehrlich, direkt, offen, wertschätzend, humorvoll und nicht alles zu ernst nehmen zu müssen – macht mir Spaß und ist mir irgendwie ähnlich. Ich könnte fast sagen, die Wellenlänge stimmt, ich kann mich damit identifizieren. Ein Umfeld, in dem Menschen gegenteilig handeln, könnte ich nicht meine Heimat nennen. Bei den Gilmore Girls gefällt mir die Verrücktheit der Stadt, wenn zum Beispiel ein Wohltätigkeits­strickmarathon zur Rettung einer kleinen, alten Brücke veranstaltet wird. Ich finde meine Heimat in den unterschiedlichen Charakteren, die in der Stadt leben, sich mit ihrer Art manchmal auf die Nerven gehen und dennoch Zusammenhalt und gegenseitige Unterstützung nicht vergessen. Rory und Lorelay versuchen ihr Glück in die Hand zu nehmen, sich das Leben schön zu machen und sich auch über die ganz kleinen Dinge und Momente zu amüsieren – all das gefällt mir. In diesen Eigentümlichkeiten und in dieser Haltung dem Leben gegenüber fühle ich mich zuhause. Dann flimmert das Gefühl von Heimat in mir auf, und wärmt mir Herz und Bauch wie eine große Tasse heißen Kaffees bei Luke’s.


Text: Linda Böhm| Graphik: Marlene Ost |

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