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Serie "Was auf uns zukommt"

2/4: Integration statt Assimilation

Im Raucherraum einer Lindener Kneipe erzählt Berivan mit einer Zigarette in der Hand nur einen Bruchteil davon, was sie eigentlich zu sagen hätte. Sie ist 29 Jahre alt und studiert Humanmedizin in Hannover. Hier hat sie – abgesehen von kurzen Unterbrechungen – seit ihrer Ankunft im Jahr 1990 gelebt. Die gebürtige Kurdin stammt aus einem Dorf in der Türkei und kam im Alter von drei Jahren als Flüchtling nach Deutschland. Ihre Stimme ist stark, ihre Worte klingen sicher. Über das Kurdisch- und Frausein in Deutschland könnte man lange sprechen, doch ich möchte hauptsächlich wissen, wie es ihr geht. Heute. Hier.

Berivan, Foto: Jesús Gómez

Berivan, was sind die ersten Erinnerungen deines Lebens?

In meinem Kopf sind noch Bilder über die Situation unseres Dorfes in der Türkei. Sie sind wie kleine Filmabschnitte, in denen vor allem mein Opa präsent ist. Meine erste Erinnerung in Deutschland ist mein Vater, als ich am Flughafen Hannover aus der Türkei ankam.

Seitdem sind 26 Jahren vergangen und heute bist du eine erwachsene Frau: Wann und wo fühlst du dich angekommen, sicher, geborgen?

Als meine Familie und ich nach Deutschland kamen, haben wir in der Nähe der Herrenhäuser Gärten in einem Asylheim gewohnt. Dort habe ich die ersten prägenden Jahre meines Lebens verbracht und dieser Ort fühlt sich für mich wie ein Zuhause an. Hannover wird für mich immer Heimat sein, aber es wäre sehr schade, wenn ich es nicht schaffen würde, aus dieser sicheren Struktur zu kommen und irgendeinen anderen Ort dieser Welt als mein Zuhause zu betrachten. Die Bedingung dafür ist nur, dass meine Familie auch dort ist.

Was bedeutet für dich in deiner aktuellen Lebenssituation Sicherheit?

Zu wissen, dass ich als Frau überall hingehen kann, ohne Angst haben zu müssen. Ich spreche tatsächlich über körperliche Sicherheit.

Denkst du, dass für deine Mutter Sicherheit das Gleiche bedeutet?

Nein, das ist etwas anderes. Meine Mutter muss sich sicher als ausländische Frau fühlen, ich nicht. Da sie nicht so integriert in der Gesellschaft ist, gibt es für sie eine weitere Sicherheitsfrage: „Kann ich als ausländische Frau überall hin?“ Da sie die Sprache nicht gut kann, kann sie sich schwer verteidigen.

Welche Wünsche hättest du für die Kinder, die heute die Auswanderung erleben?

Ich würde mir wünschen, dass für diese Kinder eine Integration, aber keine Assimilation statt findet. Ich würde es sehr schade finden, wenn sie ihre Namen und ihre Sprache vergessen, denn da geht ein Stück menschlicher Vielfalt verloren. Egal wo sie herkommen, egal aus welcher Kultur oder welchem Land, und unabhängig davon, welcher Religion sie zugehören, ist Integration am wichtigsten.

Es ist notwendig, dass sie sich integrieren lassen wollen und dass die Gesellschaft sie integrieren will. Letztendlich sind es die Gesellschaft und die Familie der Kinder, die ihnen die Möglichkeit geben sollten, sich zu entfalten.

 


Interviewer und Fotograf: Jesús Gómez, zuerst veröffentlicht in Cameo Magazin #3 (Februar 2017)

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