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Serie "Was auf uns zukommt"

3/4: Kein Krieg mit Worten

Ilja Schneider ist erfolgreicher Schachspieler und Sozialarbeiter. Er schrieb für zahlreiche Blogs und Schachmagazine. Studiert hat er Soziologie. Im Jahr 1991, als Ilja sieben Jahre alt war, kam er mit seiner Familie aus Moskau nach Deutschland.

Ilja Schneider, Foto: Jesús Gómez

Ilja, wir treffen uns auf der Lister Meile. Warum war das dein Wunsch?

In dieser Gegend geht es mir gut, hier herrscht immer gute Laune und Wohlstand. Das sind meine ersten Eindrücke in Hannover gewesen.

In Wikipedia steht, dass du ein deutscher Schachspieler bist.

Ja, und? Das stimmt ja auch so. Ich bin ein Deutscher. Und ich bin nach der Ausreise nie mehr in Russland gewesen. Aber man kehrt natürlich immer wieder zu den Wurzeln zurück, sprachlich oder gedanklich. Denn ich denke noch auf Russisch. Auf der kulturellen und politischen Ebene empfinde ich mich aber eher als Deutscher.

Schach ist Mathematik und Strategie pur, Soziologie dagegen besteht aus Theorie und Beobachtung – also fast zwei Gegensätze. Wie lebt man diese Dichotomie?

In Wirklichkeit bin ich eher ein mathematischer Mensch, deswegen habe ich erst Chemie studiert, was aber einfach zu viel Energie verbraucht hat. Deshalb habe ich das Studium gewechselt. Chemie und Schachspiel gründen sehr stark auf System, Technik, Gedächtnis.

Es ist in der Schach-Szene eine Ausnahme, Soziologie zu studieren. Die meisten Schachsspieler sind Mathematiker, Physiker, Juristen. Aber für mich ist es positiv gewesen, da ich sehr unterschiedliche Bekannten und Freunde habe, die ich nur in der Schach-Szene oder im Beruf nicht kennengelernt hätte.

Kann man in Deutschland vom Schachspielen leben?

Man kann vom Schachspiel leben – aber nur wenn man ein besserer Schachspieler ist, als ich es bin. Es ist wirklich sehr hart. Man kann auch Geld verdienen, indem man zum Beispiel Training gibt oder Bücher schreibt, was aber ebenfalls sehr schwierig ist. Außerdem interessiere ich mich beim Schach für den Zweikampf, das Adrenalin, die Psychologie des Eins gegen Eins – und nicht so sehr dafür, Schach zu unterrichten.

Was sind deine Wünsche für die Kinder, die heute nach Deutschland fliehen und hier aufwachsen werden?

Dass das Leben für sie und ihre Familie in Deutschland so wird, wie sie es sich vorstellen, und dass sie nicht das, vor dem sie eigentlich fliehen wollten, hier wieder erleben müssen. Auf einer anderen Ebene, meine ich, denn natürlich gibt es hier keinen Krieg – aber Krieg mit Worten wird mittlerweile schon geführt.

 


Interviewer und Fotograf: Jesús Gómez | aktualisiert, zuerst veröffentlicht in Cameo Magazin #3 (Februar 2017)

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