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Serie "Was auf uns zukommt"

4/4: In zwei Kulturen

Azar Haghshenas ist im Iran geboren und kam in ihrem ersten Lebensjahr nach Deutschland. Erst im Jahr 2016, 27 Jahre nach ihrer Auswanderung, reiste sie in ihr Geburtsland. Dort entdeckte sie eine neue Realität: Sie gehört nicht nur zu einem Land, nicht nur zu einer Kultur.

Die 28-Jährige arbeitet als Projektkoordinatorin im Dolmetscherservice eines gemeinnützigen Vereins. Sie studierte Internationale Kommunikation und Übersetzung, weil sie immer davon geträumt hat, weltweit einsatzfähig zu sein und in ein anderes Land auswandern. An irgendeinen weit entfernten Ort, in Mexiko vielleicht.

Azar, Foto: Jesús Gómez

Azar, wann fühlst du dich besonders sicher und geborgen?

Sobald ich das Essen meiner Mutter sehe, rieche oder schmecke, fühle ich mich sicher und geborgen. Ich bin der Meinung, dass es im Leben nie hundertprozentige Sicherheit gibt, aber wenn mir etwas das Gefühl von Geborgenheit vermittelt, dann ist es die Gewissheit, dass meine Familie immer da ist, wenn ich sie brauche. Diese Vorstellung von Sicherheit ist bei meinen Eltern ähnlich, aber weil sie die Erfahrung der Migration mitten in ihrem erwachsenen Leben gemacht haben, spielt die Familienbindung für sie eine andere Rolle.

Du bist vor wenigen Monaten zum ersten Mal in den Iran geflogen. Wie ist dein Verhältnis zu deiner Herkunftskultur bisher gewesen?

Ich habe immer gesagt, dass ich Deutsche bin. Ich denke, dass ich nicht sehr in der iranischen Kultur verwurzelt bin, da ich in meinem Leben nicht viel mit ihr zu tun hatte.

Allerdings hat mir meine Reise in den Iran dabei geholfen, mich ein bisschen neu zu finden, mich ebenso mit dieser Kultur identifizieren zu können. Ich vergleiche das mit jemanden, der adoptiert wurde, seine leiblichen Eltern zum ersten Mal trifft und sofort eine Verbundenheit spürt. Ich habe dort eine große Familie, mit der ich nie Kontakt hatte, aber mit der ich mich sofort verstanden habe. Diese Menschen sind mir sehr ähnlich und erinnern mich an mich selbst. Durch diese Erfahrung habe ich sehr viel über mich gelernt.

Deine Familie ist mit dir nach Deutschland geflüchtet, als du noch ein Baby warst. Viele Kinder erleben heute das Gleiche wie du damals. Was würdest du dir für sie wünschen?

Zum Einen wünsch ich ihnen, dass sie schnell das Gefühl entwickeln, angekommen zu sein. Zum anderen, dass sie es schaffen, das Positive daran zu sehen, in zwei Kulturen groß zu werden und zu Hause zu sein.

Hättest du vielleicht auch Erwartungen an diese Kinder?

Nein, grundsätzlich habe ich die Einstellung, dass man nicht so viele Erwartungen haben soll, da jede Person eine eigene Geschichte und Empfindungen hat. Feste Vorstellungen über die Entwicklung eines Menschen können das Gegenteil von dem bewirken, was man eigentlich wollte. Erwartungen habe ich an die Personen oder Institutionen, die diesen Kinder helfen sollen, nicht an die Kinder. Für sie habe ich Wünsche und Hoffnungen.

 


Interviewer und Fotograf: Jesús Gómez, zuerst veröffentlicht in Cameo Magazin #3 (Februar 2017)

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