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Lexikon des Scheiterns

Erneuerung, die nicht klappt, Versuche, die immer Versuche geblieben sind. Vor Veränderungen steht oft vieles, das nicht funktioniert hat. Menschen haben sich zu einer Werkstatt getroffen und Texte über das Scheitern geschrieben. So ist ein multiperspektivisches Lexikon entstanden, das verschiedene Aspekte des Scheiterns beleuchtet. Die Sammlung wird laufend erweitert.

Anfang.

Um zu scheitern musst du ja erstmal irgendwas, irgendwie machen. Anfangen sozusagen. Ich habe schon ein paar Ideen was ich irgendwann, irgendwie machen könnte.

Mit meinem inneren Auge sehe ich mich mit irgendwas Hallen füllen, Jubelschreie für mein außerordentlich tolles Schaffen. Dankesreden, eventuell Tränen in den Augen.
Ja, das wäre toll…
Mein richtiges Auge ist wieder am Start und sieht mich mit einer Tüte Chips auf dem Schoß  den Mauszeiger das Netflixzeichen anklicken…

Ach so. Das mit dem Anfangen geht also gar nicht von alleine. Das verkompliziert die Sache ungemein. Und erklärt warum ich kein Rockstar bin, obwohl ich die Anfangsmelodie von Come as you are fast perfekt beherrsche.Irgendwie ist mir das zu anstrengend. Rockstar werden, Hallen füllen, in aller Munde sein. Daran scheitere ich, weil ich keinen Bock habe. Aber warum scheitere ich daran irgendetwas, irgendwie nur für mich zu machen?
Ich denke, Netflix ist schuld.

Von SH


Aufstehen.

Ein Mann liegt im Bett. Hochbett. Ein Wecker klingelt unter dem Bett. Wenn der Wecker oben klingeln würde könnt man, also der Mann, ihn snoozen. Darum klingelt er unten. Ein Mann fällt eine wacklige Leiter hinunter. Der Wecker klingelt weiter. Er klingelt immer. Es gab eine Zeit, da dachte der Mann es wäre eine schlaue Idee, den Wecker unters Bett zu stellen. Klingeling.

Unter dem Bett steht ein Sofa. Das Kabel des Weckers ist genau so lang, dass der Wecker an der Sofakante stehen kann. Da steht er jetzt. Und klingelt alle neun Minuten. Ein Mann liegt auf dem Sofa und snoozt. Mit dem Fuß.

Der Mann hat einen neunminütigen Traum. Er tritt den Klingelkapitalismus kaputt. Neun Minuten und noch mal neun. Ein Mann liegt im Bett. Der Mann liegt im Bett.

von Jakob Hermens


Bewegung.

Und was willst du jetzt machen?

Was weiß ich.

Na, nichts. Ist ja auch keine Option.

Ja.
Und?

Was und?

Was du machst, jetzt.

Trinken vermutlich.

Ein Ansatz.

Denke auch.

Und Mischka?

War ein Ansatz.

Ja.

Prost.

Weißt du, ich such den Punkt. An dem alles schief gelaufen ist. Den Bach runter ging.

Ein Gewässer fließt immer talabwärts.

Und nach oben kommt’s halt nimmer mehr.

Hoch.

Ich denke nicht.

Ich meine die Tassen.

von Stefanie Schweizer


Ende.

Wenn ich ganz weit laufe, werde ich an einen Zaun kommen. Ein Zaun aus Draht, wie er um einen großen Garten steht. Hinter dem Zaun ist es schwarz, dort ist nichts. Ich stehe auf einer Sommerwiese mit hohem Gras und Blumen darauf. Es ist still.
In der Luft nichts als ein Flüstern: das Flüstern der Seelen, die ihre Geschichten über den Zaun hauchen.

So habe ich mir früher das Ende der Welt vorgestellt. Ich dachte, wenn ich ganz weit laufe, komme ich dort an. Ich kann mich dann vor den Zaun setzen und in das Universum schauen. Wenn ich über den Zaun klettere, dann falle ich mitten in die Sterne.

Das Ende der Welt war für mich ein heilsamer Ort. Ich denke gerne daran, als wäre es das Ziel meiner Reise, als würde ich irgendwann mit Sicherheit dort ankommen. Dann lege ich mich ins hohe Gras, schaue in den Himmel und löse mich in ein zartes Flüstern auf, das über die Wiese weht.

von Thea Marie Klinger


Erwartungen.

kommen als erstes. Sie sind wie Erinnerungen an die Zukunft, nur ungetrübt von Realität und deswegen auch so schön. Sie entstehen in unseren Köpfen. Wir sind diejenigen, die sie formen und gestalten und selbst wenn wir Schwierigkeiten erwarten,
so sind es doch unsere Schwierigkeiten, direkt auf uns zugeschnitten. So bauen wir uns strahlende Luftschlösser, die immer heller und wärmer werden je länger wir warten.
Und dann stellen wir fest, dass sich Zement anders anfühlt als heiße Luft.
Dann kommt die Leere, die Verzweiflung, die Wut.
Aber Wut auf was? Zuerst auf die Realität und dann auf uns. Wann sind wir genau gescheitert? und warum? Aber sind wir überhaupt gescheitert? Oder liegt es an unseren Erwartungen?
Die stets zu hohen Erwartungen.
Ohne denen wir nicht die Kraft gefunden hätten abzuspringen, den großen Teich und unsere Zweifel zu überspringen und dann, wenn schon nicht in einem Schloss, dann wenigstens ein wenig näher bei uns selbst zu landen.

Philipp Pallmer


Plan.

Zwei mögliche Perspektiven

Was ist das, ein Plan’?
Hast du nen Plan?
Deinen Plan fürs Leben?
Wie sieht der aus dein ‚Plan fürs Leben’?
Kennst du darin jede Kleinigkeit?
Jede Abzweigung? Jede Kreuzung?
Hast du das alles durchkalkuliert?


Antwort 1:

„Nein?! Warum nicht?
Heutzutage brauchst du einen Plan! Damit du im Leben vorankommst.
Es zu etwas bringst. Und wenn du einen hast, dann musst du den durchziehen!
Scheißegal was die anderen sagen oder tun.
Du hast das Ziel im Kopf. Volle Kraft voraus.“

„Und was, wenn ich scheitere?“

„Scheitern? Keine Möglichkeit. Auf gar keinen Fall.
Deshalb musst du ja alles durchkalkulieren, mit allem rechnen, alles bedenken.
Ja? Ja!“


Antwort 2:

„Einen Plan? Wer hat den denn schon?
Hat irgendjemand jemals genau den Plan erfüllt, den er*sie im Kopf hatte? Bestimmt nicht.
Leben ist das was passiert, wenn man vom Plan abweicht. Andere Wege geht.
Das hat bestimmt mal jemand ganz Schlaues gesagt. Platon oder so.
Eine*r, der*die sich mit Scheitern auskannte.

Einen Plan, den brauchst du nicht. Der kommt von selbst. Der findet dich.“

von Nadine Cipura



 

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