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Mach dich neu

von Stefanie Schweizer

Im Sneakerladen der ständigen Selbstoptimierung scheint Erneuerung das wohl beliebteste Produkt zu sein. Egal wohin wir sehen: Neu ist immer besser. Mach dich neu. Mach dich besser.

Was die Jutetaschenträger mit ihren Sleep-Tracking-Apps und Smoothie-Rezepten unter den Fischerhüten viel zu häufig vergessen, ist die Frage, ob Erneuerung überhaupt einen Prozess darstellt, der von innen heraus angestoßen werden kann. Jene, die direkt mit einem lauten und klaren Ja antworten, tragen in ihrem täglichen Tun ein Trauma in der Hosentasche. Ausgelöst wird es vor allem dadurch, dass ihnen beigebracht wurde, dass auf (ungebetene) Gefühle immer eine Aktion, eine Reaktion, eine Veränderung zu folgen hat, anstatt der zen-artige Umgang mit dem Gefühlsknoten in der Bauchhöhle.

Unser Verständnis in Sachen Erneuerung hängt hinterher, wie die Tigerente auf dem Weg nach Panama.

Etwas Neues entsteht aus einer Notwendigkeit heraus und der Mensch entzieht sich Notwendigkeiten so gut es geht. Wir pflegen je nach Gusto und hinter zugezogenem Vorhang die ein oder andere Eigenheit, leben uns also im Alltag zwischen Norm und Regel nur als formschönes Paket aus. Dann passen möglichst viele unserer Art in einen Lastwagen und der einzelne Ausdruck eines „Nein, lieber nicht“ geht verloren. Wir ducken uns weg, nehmen Umwege in Kauf, wissen eigentlich schon lange, wo der Schuh drückt und sagen nichts, damit wir uns nicht die große Frage stellen müssen: Wie lautete nochmal der Preis für dieses Ich?

Die eigene, persönliche Veränderung, ob charakterlich, körperlich oder sonst auf das Individuum bezogen, findet ständig von außen statt. Andere servieren uns die hochangepriesenen Herausforderungen eines 3-Gänge-Menüs oder packen uns mit einem liebevollen Klaps ihre ganz eigenen Erwartungen in den festgeschnürten Wanderrucksack für den Schulausflug in die Bedeutungslosigkeit unseres Seins.

Es bleibt dann nichts anderes übrig, als sich an diesem Proviant abzuarbeiten, weil wir ihn andernfalls nur mit uns herumtragen und noch nicht einmal von ihm profitieren, außer dass wir nicht mit nackten Füßen auf dem heißen Asphalt der Selbstoptimierung wandeln müssen. Wir sehen, wie andere Menschen agieren und sich formieren und sind dennoch auch im reflektiertesten Stadium ein Systemfisch, orientiert an den großen, ersichtlichen Narrativen der Welt. Diese eröffnen Schubladen, in die wir unbemerkt mit dem kleinen Zeh auch mal reinfallen, während wir versuchen, sie zu überwinden. Das bleibt natürlich geheim, unkommentiert, unter uns. Das ist nicht aktiv gewollt. Das ist nicht Erneuerung.

Am Ende müssen wir uns eingestehen, dass wir den Schuh nicht kaufen, weil wir ihn brauchen, sondern weil wir denken, dass er etwas mit uns macht, was wir uns ausgesucht haben.

Immerhin haben wir den Spaß bezahlt. Und was wir bezahlt haben, können wir kontrollieren, wir haben Anspruch darauf, weil: Es gehört uns. Doch zählt die Erneuerung zu den Dingen, die wir nicht unser Eigen nennen können, die auf uns aber dennoch Einfluss nimmt, was gelinde gesagt genauso nervt, wie ein kalter Zug im Nacken. Oder ein Wasserfleck, der sich seinen Weg erst in die Zwischendecke und dann auf den Fliesenboden der neuen Wohnung bahnt. In dieser Pfütze können wir dann zappeln und atemlos nach unserer eigenen Erwartung schnappen. Sind wir am Ende erneuert oder einfach nur müde? Letztlich verblasst noch jeder Erfolg vor dem Anbruch einer neuen Kassenbonrolle, wird zu etwas, das mit den restlichen Schnipseln beim Altpapier landet.


Illustration: Stefanie Schweizer


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