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Eine Projektdokumentation

von Linda Böhm

 

In diesem How-to erfährst Du, wie der Cameo Kollektiv e.V. das Projekt Cameo Magazin ANKOMMEN realisiert hat, welche Probleme es gab und wie innerhalb des Projektes kommuniziert wurde. Die Projektleiter Sebastian Cunitz und Julius Matuschik stehen dir bei Fragen zum Thema gerne zur Verfügung und können über den Verein Cameo Kollektiv e.V. erreicht werden. Das Cameo Kollektiv möchte mit dieser Projekttranzparenz ermutigen ähnliche Projekte in anderen Städten stattfinden zu lassen. 

Was bedeutet Ankommen für dich?

Diese Frage haben sich heimische und neu angekommene Hannoveraner gestellt. Über 70 regelmäßige – teils spontane – Besucher unterschiedlicher Herkunft haben ihre Geschichten und Ideen zum Thema Ankommen eingebracht. In offenen wöchentlichen Treffen und mit Unter­stützung einer ehrenamtlichen Redaktion entstanden die Beiträge dieses Magazins. Die Fotoserien, Interviews, Grafiken, Essays und poetischen Texte geben dem interkulturellen Austausch ein Gesicht.

Wie es zur Projektidee kam

In den Medien wird häufig nur über Geflüchtete gesprochen. Selten kommen die Betroffenen zu Wort. Eine ausgewogene Diskussionskultur sieht unserer Meinung nach anders aus. Diese Beobachtung führte zu der Überlegung, ein Projekt zu konzipieren, dass Raum für Austausch im medialen Sinne und in der direkten Diskussion bietet.

Um diese Überlegungen sichtbar und erlebbar zu machen, war schnell klar, dass NEWCOMER und LOCALS aus Hannover und Umgebung gemeinsam in einem soziokulturellem Projekt die Inhalte für ein Magazin zum Thema Ankommen gestalten. Die Hoffnung war, daraus eine authentische Berichterstattung schaffen zu können sowie möglichst unterschiedliche Personen vor allem aus der Mitte der Gesellschaft in Austausch zu bringen und deutlich zu machen wie wichtig es ist, genau jetzt gemeinsam über Themen wie Flucht, Integration, Kultur usw. zu sprechen.

Projektziele:

Das Cameo Magazin Projekt zielte darauf ab den Austausch zwischen Menschen jeder Herkunft anzuregen und diese zu motivieren etwas Gemeinsames zu schaffen. Das Projekt diente durch sein begegnungsorientiertes Konzept als Plattform für Diskussion sowie dem Austausch von Erfahrungen, Meinungen, Vorstellungen und Verständnissen.

Konkretisierte Ziele waren:

  • Menschen mit und ohne Fluchthintergrund in Hannover in Kontakt treten zu lassen
  • Diese zu einem Austausch Ihrer Erfahrungen und Beobachtungen motivieren
  • Durch die Zusammenarbeit an einem Magazin ein Gemeinschaftsgefühl stärken und dieses transparent mitteilen
  • Erarbeitete Inhalte der Zusammenarbeit für die Rezipienten des Magazins und der späteren Online-Plattform www.upgration.de zur Verfügung zu stellen
  • Mögliche Arbeitsmarktintegration von Geflüchteten Menschen durch unsere Kooperationspartner
  • Durch Medienkooperationen eine Öffentlichkeit für diese interkulturelle Zusammenarbeit zu erzeugen
  • Qualifizierung und Mentoring von Teilnehmenden in kreativer Arbeit
  • Konzepte entwickeln, um die Erfahrungen der Magazinarbeit auf eine Online-Plattform übersetzen zu können und dazu sinnvolle Erweiterungen gemeinsam mit Teilnehmenden des Magazinprojektes entwickeln

So sollte eine integrative und prozessorientierte Zusammenarbeit von Menschen mit und ohne Fluchthintergrund stattfinden und ein hochwertiges Magazin entstehen.

Hoffnungen und Erwartungen

Die Projektleitung hatte an das Projekt mehrere Erwartungen und hat sich damit einige projektprägende Prämissen gesetzt. Zu diesen gehört die durchweg demokratische Entscheidungskultur, sodass jede/r Mitmachende Gestaltungs- und Entscheidungsstärke haben sollte. Zu diesen Mitmachenden sollten Geflüchtete und Nicht-Geflüchtete sowie Migranten gleichermaßen gehören. Eine große Hoffnung war dabei auch „besorgte Bürger“ am Projekt beteiligen zu können. Insgesamt erwartete die Projektleitung, dass sich durch das Projekt eine Atmosphäre schaffen lässt, in der sich die Menschen so wohl fühlen, dass sie gerne wiederkommen. Ein Arbeitsumfeld in dem Artikel und Beiträge zum Magazin nicht einfach abgegeben werden, sondern in einem gemeinsamen Prozess und Diskussion entstehen. Menschen sollten über die Arbeit an ihren Artikeln ins Gespräch kommen, sodass sich daraus eine Diskussionskultur entwickelt.

An das fertige Magazin hatte die Projektleitung die Erwartung, dass es in der Lage ist in die jeweilige Community der Autoren genauso anzusprechen wie die deutschsprachigen Leser. Denn jeder Artikel sollte auch in der jeweiligen Muttersprache und ins Deutsche übersetzt im Magazin gedruckt werden. Es wurde davon ausgegangen, dass Personen in ihrer Muttersprache schreiben, weil sie es als wichtig empfinden, dass ihr Artikel auch in ihrer Sprachcommunity verstanden werden kann.

 

Projektstruktur und Organisation

Finanzierung / Sponsoren / Förderer

Projekte, die unter großer Beteiligung der Bevölkerung stattfinden benötigen meist mehr finanzielle Ressourcen als Projekte ohne Beteiligung. Für Planung, Organisation und Koordination sowie die Begleitung der Kommunikation mit den Beteiligten wurde sich viel Zeit genommen und es gab neben den vielen ehrenamtlichen Mitwirkenden dafür zwei Projektleiter, die finanziell durch die vielen Förderer und Sponsoren gedeckt werden konnten. Ohne eine finanzielle Förderung wäre das Projekt nur schwer umsetzbar gewesen.

So spielte die externe Finanzierung eine maßgebliche Rolle für den Erfolg des Projekts. Um das Projekt in all seinen Facetten fördern zu lassen, konnten sich die Projektleitungen von der Beratungsstelle der Landesarbeitsgemeinschaft Soziokultur in Niedersachsen durch Ingrid Wagemann beraten lassen. Durch eine Rechercheförderung aus dem Innovationsfonds des Kulturbüros der Landeshauptstadt Niedersachsens war es möglich sich vor dem Projektbeginn die nötige Zeit zu nehmen, den Antrag sowie das Netzwerk an Kooperationspartnern*innen auszuarbeiten und zu verfeinern. Als besonders passend für die begegnungsorientierte Arbeit des Projekts zeigte sich der Förderbereich Soziokultur. In diesem konnten Mittel aus Integrationsförderungen sowie soziokulturellen Förderungen bezogen und ein gelungenes Konzept aus Journalismus, Begegnung, Diskussion und Austausch realisierbar werden.

Folgende Förderinstitutionen unterstützten das Projekt „Cameo Magazin – Ankommen“:

Landesarbeitsgemeinschaft Soziokultur Niedersachsen (LagS)
Gesellschaftsfonds Zusammenleben (GFZ) Stadt Hannover
Integrationsfonds Stadt Hannover (LIP)

Kulturbüro Landeshauptstadt Hannover
Fonds Soziokultur
HannoverStiftung, die Stiftung der Sparkasse Hannover
Klosterkammer Hannover
Deutscher Volkshochschul Verband (DVV) International


Folgende Sponsoren haben das Projekt „Cameo Magazin – Ankommen“ finanziell unterstützt.

Brune WZ Stiftung
Landesarmutskonferenz Niedersachsens
Bildungswerk Niedersächsischer Wirtschaft (BNW)

Impression unserer Kick Off Veranstaltung am 05.09.2016

Kooperationspartner

Der Durchführung des Projekts ist neben den vielen Sponsoren und Förderern durch die vielen Engagierten Personen und Organisationen getragen, die das Projekt hauptsächlich ehrenamtlich unterstützten und vorangetrieben haben. Gemeinsam hatten sie das Ziel ein Zusammenleben und Austausch, sowie gegenseitiges Verständnis zwischen allen Menschen zu leben.
Das Projekt hatte das Glück tatkräftige Kooperationspartner zu haben, die in ihren eigenen Netzwerken die Projektarbeit des Cameo Kollektiv e.V. beworben haben und anhand konkreter Aufgaben Verantwortungen übernahmen. Beispielsweise wurden gemeinsam mit der Volkshochschule Hannover Workshops zu verschiedenen Kreativtechniken angeboten und dadurch den Teilnehmenden die Möglichkeit geboten sich für die Kreativarbeit des Projekts weiterzubilden.

Durch die Kooperation mit KreHtiv e.V. konnte eine Vereinbarung getroffen werden, dass Menschen, die sich für einen Beruf in der Kreativbranche interessieren bei KreHtiv e.V. unterstützt werden und damit evtl. Anschluss in der Branche finden können. Die Deutsche Journalisten Union (DJU) hat es ermöglicht, dass für die Magazinarbeit ein journalistischer Beirat gestellt wird, der rechtliche und lektorische Begleitung leistete. In Kooperation mit dem Verdi Verband Leine/Weser konnten Ergebnisse der Projektarbeit in Ausstellungen präsentiert werden.

Räumlichkeit und Ausstattung

Die Räumlichkeiten des Cameo Magazin Projekts dienten als Redaktionsbüro. Die Suche nach einem geeigneten Raum war auf Grund der Ansprüche, die dieser erfüllen sollte und der Idee einer Zwischenraumnutzung für vier bis sechs Monate, gestaltete sich nicht einfach. Die zentrale Lage des Redaktionsbüros sollte gewährleisten, dass dieses für alle gut erreichbar ist und auf Grund dieser Lage „Laufkundschaft/-publikum“ auf das Projekt aufmerksam werden. Dafür boten auch die großen Schaufenster (drei Stück) Einblicke in die Arbeit in den Räumen. Dazu weckten die Panorama Fenster das Interesse bei den Vorbeilaufenden und garantierten gleichzeitig eine gewisse Transparenz der stattfindenden Arbeit. Zusätzlich waren Toilette
und Küche eine Anforderung, die bei vielen Räumen nicht gegeben war. Räumlichkeiten, in denen von 10:00 bis 22:00 Uhr gearbeitet wird und die teilweise mit Abendveranstaltungen bespielt werden, sollten auch das Angebot einer Toilette beinhalten. Die Küche spielte neben der generellen Verpflegung vor allem eine Rolle für gemeinsame Kochaktionen und den Austausch über Essen aus unterschiedlichen Kulturen und dadurch auch dem gegenseitigen Kennenlernen und interkulturellen Austausch.

Der Raum brauchte einen kleinen Stauraum, in dem Materialien, Fotokameras und -zubehör gelagert werden konnten. So konnte auch Equipment zum Verleih bereit gestellt werden. Der Verleih des Equipments war umsonst, diejenigen, die etwas ausleihen wollten mussten sich unter vorzeigen des Ausweises lediglich in eine Liste eintragen. So hatten alle Teilnehmenden die Möglichkeit für Beiträge auch mit Fotografien oder Videoclips zu arbeiten ohne selbst eine Kamera besitzen zu müssen. Aus diesem Grund standen in dem Redaktionsbüro auch acht Computer an Arbeitsplätzen bereit, die alle mit Internet und diversen Computerprogrammen für die Bearbeitung der Beiträge gedacht waren. Da nicht jede/r einen Computer, Internet und Computerprogramme besitzt, wurde dadurch gewährleistet, dass niemandem auf Grund dessen die Möglichkeit des Mitgestaltens nicht möglich war.

Des Weiteren standen die Arbeitsplätze als Coworkingspace bereit, sodass auch an projektfremden Dingen gearbeitet werden konnte. Die Projektleiter haben diese Möglichkeit integriert, da sie davon ausgehen, dass Menschen zum einen immer
kommunizieren und zum anderen jede/r irgendwann mal eine Frage während des Arbeitens hat, bei der sich gegenseitig geholfen wurde und dadurch Austausch oder auch neue Ideen entstanden sind. Zusätzlich richtete das Team zwei Werkbänke zur kreativen Auseinandersetzung mit Ideen und Beiträgen ein, an denen gewerkelt wurde oder aber auch Fotos zur Durchsicht ausgelegt wurden.

Redaktionsrunde

Im Eingangsbereich des Redaktionsbüros stand ein großer Tisch mit Platz für Besprechungen bereit, der vor allem von der Redaktion und für Besprechungen mit Kooperationspartnern etc. genutzt wurde. Hier hing auch eine Pinnwand zur Visualisierung von Ideen, fertiggestellten Seiten des Magazins, einem Terminplaner, Mindmaps aus Besprechung u.v.m.. Ein wichtiger Aspekt war ebenfalls, dass die Räumlichkeiten auch Platz für Diskussionen, Vorträge und Lesungen haben sowie einen Beamer und eine Projektionsfläche für dessen Visualisierungen.

Zu beginn des Projekts wurde gemeinschaftlich mit Teilnehmenden und der Redaktion entschieden, dass Diskussionen,
Lesungen sowie Vorträge im Raum zu unterschiedlichen Themen aus den Bereichen Integration, Religion, Ankommen usw. stattfinden sollen. Dadurch sollte sich die Diskussionskultur entwickeln und stärken und zu verschiedenen Themenbereichen informiert werden. Nicht zuletzt stellte das Team im Redaktionsbüro auch eine kleine Bibliothek zusammen, die mit der Zeit mit Büchern, Zeitschriften und Heften zu verschiedenen Themen gewachsen ist. Ihre Literatur bot die Möglichkeit sich weiter zu informieren oder aber Anregungen einzuholen zu der grafischen Darstellung von Magazin und Cover.

Räumlichkeiten fanden die Projektleiter letztendlich in der Steintorfeldstraße 3, 30161 Hannover. Diese erfüllten alle Anforderungen, die sich für das Projekt gesetzt wurden. Im Laufe des Projekts zeigte sich immer wieder, dass es sich ausgezahlt hat so lange nach einem passenden Raum zu suchen. Besonders auch die Küche, die bei vielen Räumen weggefallen wäre trug dazu bei, dass als Gruppe zusammen gekocht und als Team zusammengewachsen wurde.

 

Suchen und Finden von Beteiligten / Zielgruppe des Projektvorhabens

Die Zielgruppe des Projekts waren theoretisch „alle“ Menschen, die Lust hatten sich kreativ mit dem Thema Ankommen auseinander zu setzen. Gezielt sollten Menschen mit und ohne Flucht- und Migrationshintergrund gleichermaßen teilnehmen. Die Teilnehmenden sollten vor allem Interesse daran haben, sich mit den jeweils anderen Menschen, Kulturen und Ansichten auszutauschen. Besonders für diejenigen, die von sich sagten sie seien nicht kreativ, konnten Mentoren (die Redaktion), die Teilnehmenden unterstützten.

Um Interessierte und Teilnehmende für das Projekt zu gewinnen musste viel Zeit investiert werden. Das Kollektiv begann schon im Jahr der Vorbereitung mit Flyern auf Veranstaltungen und in Institutionen die Projektidee zu verbreiten und potentielle Teilnehmende zu gewinnen. Dafür verteilten sie diese Flyer an aus ihrer Sicht einschlägigen Orten wie z.B. der Hochschule Hannover, in Kreativwerkstätten, in Geflüchtetenunterkünften, in Stadtteilzentren. Auch auf der Facebook-Seite des Cameo Kollektiv e.V. postete das Kollektiv Beiträge, um auf das Projekt und die Idee dahinter aufmerksam zu machen sowie auf Veranstaltungen hinzuweisen, auf denen sich die Menschen darüber informieren konnten.

Vor allem der Informationsabend am 03.03.2016 im Hanomag Hof brachte noch einmal Interessierte zusammen und zeigte, dass ein großes Interesse am Projekt besteht. Selbst wenn von diesen Menschen nur wenige tatsächlich am Projekt teilgenommen haben, konnten sie als Multiplikatoren der Idee fungieren. Denn wie sich später im Projekt zeigte haben viele der Teilnehmenden über „Mundpropaganda“ vom Projekt erfahren. Aber auch der Unterstützerkreis Flüchtlingsunterkünfte Hannover e.V. war eine große Hilfe bei der Suche nach Teilnehmenden.

Viele Menschen sind, sobald der Raum eröffnet hatte vorbei gekommen und haben sich ein Bild gemacht. Neben der Suche nach Teilnehmenden unterhielten sich die Projektleiter mit Menschen aus verschiedenen Institutionen. So konnte sich anhand der Kooperationspartner ein Netzwerk aufbauen und ein gewisser Bekanntheitsgrad entstehen, über den ebenfalls Teilnehmende von dem Projekt hörten. Mit denjenigen, die großes Interesse bekundeten, trafen sich die Projektleiter in
Einzelgesprächen auf einen Kaffee oder ähnliches, um zu klären worauf die Person Lust hat, welche Fähigkeiten diese mitbringt, welche Art von Beitrag diese leisten möchte, oder welche Idee diese bereits hat. Für Teilnehmende, die nicht genau wussten was sie beitragen könnten, aber gerne mitmachen wollten, wurde gemeinsam eine Aufgabe gefunden. Schlicht es fand ein intensives Kennenlernen anhand einer wertschätzenden Kommunikation statt.

Projektorganisation und -umsetzung

Die Verantwortung des gesamten Projekts lag bei den Projektleitern Sebastian Cunitz und Julius Matuschik, die die Projektidee mit dem Kolektiv entwickelten und die Grundsteine in einem Jahr der Vorbereitung und Vernetzung sowie Recherche legten. Trotz der sehr flachen Hierarchien innerhalb des Projekts wurden auf Grund dieser Verantwortung viele Fragen und schlussendliche Entscheidungen an die beiden gerichtet. Zusätzlich waren sie als Projektleiter fast durchgängig vor Ort und waren gut informiert über alle Geschehnisse, Absprachen und Entwicklungen. Als Projektleiter standen sie immer als Ansprechpartner besonders auch bei Problemen oder Unsicherheiten, bei finanziellen Aspekten und Ideenabsprachen zur Verfügung und übernahmen schlussendlich dafür auch die Verantwortung.

Schon vor dem Projektstart hielten die Projektleiter stetig Rücksprache mit dem Kollektiv und baten um Feedback sowie Kritik, um diese konstruktiv umzusetzen. Diese Feedbackschleife wurde auch während der Projektlaufzeit weitergeführt. Für diese sehr flache Hierarchie entschieden sich die Projektleiter, um ein Maximum an demokratischer Mitentscheidungsstärke der Teilnehmenden zu gewährleisten und die Offenheit des Projekts zu wahren. Sebastian Cunitz und Julius Matuschik hatten für alles und jeden immer ein offenes Ohr und wollten auf diese Weise die Offenheit des Projekts auch in ihrem eigenen Verhalten widerspiegeln. Dadurch entstand innerhalb des Teams eine sehr wertschätzende Kommunikation sowie Umgang miteinander, der maßgeblich zum Erfolg des Projekts beitrug.

Ideen wurden nicht als schlecht abgetan, sondern als entwicklungsfähig im „think tank“, der mit der Zeit entstand, weitergedacht. Da es emotional sowie zeitlich nicht möglich ist jede/n Projektteilnehmer*in persönlich zu betreuen und sich „en detail“ mit den Aspekten der Ideen auseinander zu setzen bildete das Kollektiv vor Projektstart eine Redaktion aus freiwilligen, die sich die Arbeit der Individualbetreuung zutraute. Innerhalb der Redaktion sprach man deshalb über „Special Agents“, die den Teilnehmenden, bei der Umsetzung ihrer Beiträge unterstützten.

Redaktionsarbeit

Redaktion und Redaktionstreffen

Die Redaktion bestand aus acht Personen, die zu 50 % einen Fluchthintergrund und zu 50 % keinen Fluchthintergrund hatten. In der Struktur der Redaktion sollte sich die Vielfalt, die das Projekt transportieren wollte widerspiegeln (Frauen und Männer, Geflüchtete und Nicht-Geflüchtete). Ebenso wichtig war es möglichst viele Kompetenzen zu vereinen, die für die Erstellung eines Magazins notwendig sind. So waren in der Redaktion Fotografen, Texterinnen, Kunstschaffende, Grafiker*innen, Projektinitiierer, Produzentinnen – alle waren in irgendeiner Form schon einmal professionell in der Kreativarbeit oder in einer Redaktion tätig oder besaßen Kenntnisse über die Themen politischer Prozesse, Asyl, Flucht oder Migration. Dies machte die Redaktion kompetent, den Beteiligten als Begleiter und Berater zur Seite zu stehen.

Als Stimme der Redaktion wurde eine Redaktionsleitung ausgewählt, Martha Herbold, die unter anderem die Redaktionstreffen anleitete, Aufgaben festhielt und darauf achtete, dass jede Aufgabe verteilt wurde. Dies hat sich als wichtig herauskristallisiert und sehr gut funktioniert. Die Redaktion funktionierte wie angedacht ohne stetige Anleitung durch die Projektleiter, auch wenn diese häufig an den Treffen teilgenommen, sich aber eher im Hintergrund gehalten haben und für Rückfragen und Absprachen zur Verfügung standen. Dies hat nicht bei allen Sitzungen und Aspekten funktioniert, doch im großen und Ganzen hat die Redaktion sehr selbständig gearbeitet und sich nach und nach in ihre Arbeit eingefunden.

In Abstimmung mit den Redaktionsmitgliedern traf sich die Redaktion und alle, die Lust hatten einen Beitrag zu erarbeiten oder eine Beitragsidee hatten, jeden Mittwoch. Die Ideen wurden vorgestellt und diskutiert sowie kollektiv weiterentwickelt. Immer in Abstimmung, ob die Weiterentwicklung für den Ideengeber vorstellbar ist. So war für jede/n deutlich, dass mittwochs abends immer Redaktionsmitglieder anzutreffen sind, die als Ansprechpartner zur Verfügung standen. Diese Regelmäßigkeiten waren eine wichtige Implementierung und strahlten zudem Verlässlichkeit aus.

Projektsprache

Als Projektsprache legten die Projektleiter Englisch fest, diese sollte durchgehend gesprochen werden und war die einzige Bedingung, die an die Teilnehmenden gestellt wurde, mindestens die Bereitschaft aufzuzeigen auf englisch zu kommunizieren. Begründet war diese Entscheidung dadurch, dass so alle Teilnehmenden sich einer für sie fremden Sprache (nicht Muttersprache) bedienen mussten und das auch allen bewusst war. So konnte sich viel eher auf Augenhöhe und einem Level ausgetauscht werden. Natürlich war dies nicht durchgängig durchhaltbar. Dennoch hat es meist gut funktioniert. Im Laufe des Projekts kamen auch Menschen dazu, die kein Englisch konnten, aber für die meisten Sprachen gab es nach und nach Jemanden der/die z.B. aus Farsi ins englische oder deutsche und wieder Jemand ins Farsi übersetzen konnte. So konnten Sprachdefizite in den meisten Fällen ausgeglichen werden. Dass dies Zeit in Anspruch nimmt war von Beginn an klar und wurde in Kauf genommen, denn ohne die Akzeptanz dieses Zeitverlust kann ein solches Projekt nicht funktionieren und misst im Ergebnis den Gewinn, der durch die betreffende Beiträge in Gesprächen und Diskussion entsteht.

Transparenz des Projekts

Transparenz war zum einen gegeben durch die großen Schaufenster des Redaktionsbüros, die einsehbar machten, was in den Räumen passiert und wer sich dort aufhält und arbeitet. Auch die Offenheit und der Mitgestaltungsgrad des Projekts, konnte ohne eine transparente Vorgehensweise nicht funktionieren. Mind Maps, Besprechungsnotizen, Terminplan, und Oberthemen sowie die Beispielseiten des Magazins hingen immer im Redaktionsbüro für jeden einsehbar aus. Regelmäßig schickte die Projektleitung einen Newsletter über den Projektstand, kommende Vorhaben sowie Veranstaltungen an alle, die sich in den Email-Verteiler eingetragen hatten, dieser erreichte über 1500 Personen. Der Transparenz diente auch die Zwischenpräsentation in der Mitte des Prozesses. Zusätzlich bemühte sich die Beauftragte für Öffentlichkeitsarbeit um eine stetige Berichterstattung im Radio LeineHertz sowie über Zeitungsartikel und Fernsehberichte z.B. beim NDR. Außerdem gaben die Projektleiter Interviews.

Öffentlichkeitsarbeit und PR

Für die Öffentlichkeitsarbeit wurde im Laufe des Projekts eine Honorarstelle eingerichtet, die sich nur mit der Öffentlichkeitsarbeit und der Unterstützung der Vermarktung beschäftigte. Ihre Erfahrungen, die sie zuvor als Pressesprecherin sammelte kamen dem Projekt zu gute.

Ihre Aufgaben waren:

  • Veranstaltungen organisieren und in die Presse geben
  • zu diesen Veranstaltungen einladen
  • Bespielen der Social Media Kanäle
  • stetige Berichterstattung in den Medien
  • Organisieren von Flyern, Postern

Anfang April übernahmen die Projektleiter die Aufgaben der Öffentlichkeitsarbeit ehrenamtlich, da die Person aus privaten Gründen sich zeitlich nicht mehr in das Projekt einbringen konnte.

Erstellen des Magazins

Ein Magazin braucht neben Inhalten, die durch eine Redaktion ausgewählt werden auch eine Korrektur dieser Beiträge, Prüfung einiger Inhalte, ein Layout, ein Cover sowie Impressum, Werbung usw... Die Inhalte steuerten die Beteiligten bei, alle der Inhalte wurden von der Redaktion überprüft. Außerdem gingen alle Artikel durch ein Lektorat, welches kostenfrei durch
professionelle Lektoren*innen und Journalisten*innen (Mitglieder der DJU) durchgeführt wurde. Das Lektorat war ein besonders aufregender Moment für die Redaktion und das gesamte Team. Ein ganzes Wochenende lang wurden alle Artikel gelesen und auf Fehler korrigiert – dies bedeutete auch, dass alle Artikel fertiggestellt waren und ein weiteres professionelles Feedback bekamen. In dieser Aufregung zeigte sich die starke Identifikation des Teams mit dem Projekt. Die Cover-Auswahl war wie das ganze Magazin eine kollektive Entscheidung. Alle konnten Cover-Ideen einbringen und dazu fanden auch insgesamt drei Veranstaltung statt. Der Anspruch ein ansprechendes aber unpolitisches Cover zu entwickeln war nicht einfach
zu erfüllen. Nach vielen Diskussionen und mindestens 100 Vorschlägen konnte sich durch Punkte kleben auf ein Cover geeinigt werden. Viele Artikel benötigten Übersetzungen, welches nicht für alle Sprachen einfach zu finden war, da auch eine Übersetzung zu einem Politikum werden kann. Für einige Artikel war es notwendig eine/n Übersetzer*in zu finden, der/die eine bestimmte politische Einstellung vertritt, um den Autor*in zu schützen.

Probleme und Hindernisse innerhalb des Projekts

Neben den Menschen die in dem Projekt zusammengefunden haben, den ansprechenden Diskussionen und angeregtem Austausch gab es auch einige Probleme und Hindernisse innerhalb des Projekts. Ein erstes großes Problem war die Suche nach einem geeigneten Raum zur Zwischennutzung. Angefragte Vermieter wollten teilweise keine Zwischennutzung zulassen, hatten Bedenken auf Grund der Offenheit des Projekts oder die Räume erfüllten nicht die Anforderungen. Diese Anforderungen beizubehalten hat sich jedoch rentiert. So sehr das Finden ein Problem war und sich das Projekt nach hinten verschoben hat, so sehr hat sich das Suchen ausgezahlt für die Anzahl und die Teilnahme bestimmter Personen (Austausch zwischen Obdachloser mit Geflüchtete und Studenten usw.).

Auch die Sprache war teilweise ein Hindernis, mit dem jedoch schon vor Beginn des Projekts gerechnet wurde und unausweichlich bei Projekten dieser Art ist. Dabei waren weniger Missverständnisse die zu Konflikten hätte führen können ein Problem, sondern weil es viel Zeit braucht sich richtig zu verstehen. Das bedeutet viel Nachfragen, um sich in einer Sprache zu verständigen, die nicht fließend gesprochen wird.

Auch die Offenheit des Projekts war teilweise ein Hindernis. Dies zeigte sich auch in ersten Auswertungen der Evaluation. Denn die Offenheit machte es für die Redaktion schwierig Anhaltspunkte zu finden (was kommt schlussendlich ins Magazin?, wie können wir Struktur schaffen, wenn alles völlig frei ist?, wie viele Seitenzahlen haben wir?)
Eine Strategie für den Umgang mit der fast völligen Offenheit des Projekts musste jeder für sich entwickeln. Die völlige Freiheit zu gestalten bedeutet auch, dass es wenig Vorgaben zur Orientierung gibt. Das zentral gelegene Redaktionsbüro lag auch direkt gegenüber der Institution „Neues Land“, einer Anlaufstelle für Obdachlose und Drogenabhängige. Auch vor ihren Besuchern wurde sich seitens des Projekts nicht verschlossen. Dies wurde von den Betroffenen dankend angenommen, denn sie äußerten, dass es schön ist das Gefühl zu haben „mal etwas sagen zu dürfen“ und ihnen zugehört wird. Aber das hat auch Stress in die Gruppe gebracht, nicht jeder hat sich damit immer wohl gefühlt. Mit einer klaren und strengeren Hausordnung als zuvor wurde auf freundliche Art und Weise auf einen Verhaltenskodex im Umgang miteinander innerhalb der Räumlichkeiten verwiesen. Zudem wurde sich bei der Einrichtung „Neues Land“ und der Polizei Rat eingeholt wie mit bestimmten Situationen umgegangen werden sollte. Ein Beispiel der Zusammenarbeit mit dieser Besuchergruppe ist ein gemeinsam erstelltes Interview mit einer Besucherin des „Neues Land“ und einem der Sozialarbeiter vor Ort. Ein Artikel, der auch im Magazin zu finden ist und die Qualität des Magazins widerspiegelt.

Des Weiteren zeigte sich eine ebenfalls erwartete Problematik, die typisch für interkulturelle Projekte ist. Die Frage „Wie werden Probleme in verschiedenen Kulturen angesprochen?“ - ein Hindernis der interkulturellen Kommunikation. Während in Deutschland Probleme gemeinsam angesprochen und gelöst werden, ist es in anderen Kulturen teilweise Gang und
Gebe mit der Person zu sprechen, die aus eigener Ansicht am meisten „Macht“ hat, um andere reden zu können. Nach erkennen dieser Vorgehensweise gab es klärende Gespräche in einer großen Gruppe, welches den Konflikt beseitigen und alle Beteiligten darüber aufklären konnte. Zudem wurde in diesem Gespräch auch gemeinsam festgelegt, wie Konfliktlösung innerhalb des Projekts funktionieren sollte, um ein solides Vertrauen schaffen kann.

Schon im November 2016 kam das Kulturbüro der Landeshauptstadt Hannover auf die Projektleitung zu und hatte angeboten eine leerstehende Liegenschaft, welche im Besitz der Stadt sei, ab April 2017 für die Arbeit des Vereins und einem angestrebten Co-Workingsspace zur Verfügung stellen zu wollen. Diese gute Nachricht und die Aussicht auf Verstetigung der
gemeinsamen Arbeit hat viele der Teilnehmenden motiviert und das vielseitige Team noch mehr an sich glauben lassen. Nachdem allerdings alle Möbel und alles Equipment in die neuen Räumlichkeiten gebracht wurden und bereits die ersten Streicharbeiten begonnen hatten, wurde das Arbeiten in den neuen Räumlichkeiten seitens des Gebäudemanagements
der Stadt Hannover untersagt, da diese Behörde nochmals die Brandschutzbestimmungen zu prüfen hätte. Dieses Verfahren zog sich monatelang - bis Mitte Juli 2017 entschieden wurde, dass neue Räumlichkeiten gefunden werden müssen.

Die erneute Suche nach geeigneten Räumen zog sich abermals hin. Diese Übergangszeit stellte sich als schwierige Phase dar. Nur mit viel Mühe konnte der Austausch zwischen allen Beteiligten aufrecht gehalten werden. Da die Projektleiter zunächst ihre Wohnzimmer zur gemeinsamen Arbeit zur Verfügung gestellt haben, wurde erneutes Vertrauen und persönliche Nähe aufgebaut. Schließlich wurde sich mittels Doodle - Umfragen immer wieder verabredet, um weitere Treffpunkte wie Cafés oder Kulturzentren zu finden, sowie Termine abzustimmen.


Autorin: Linda Böhm | Fotos: Cameo Kollektiv e.V.

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