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Mauern im Kopf

Ob wir wollen oder nicht: Wenn wir einen Menschen sehen, urteilen wir über ihn. Das macht unser Gehirn automatisch, denn es will uns vor Gefahren schützen. Es hat noch nicht verstanden, dass wir nicht mehr in der Steinzeit leben.

„Unser Gehirn hat eine ganz eigene Sicht auf die Welt“, erklärt der deutsch-koreanische Neurowissenschaftler Dong-Seong Chang. Er untersucht am Max-Planck-Institut für biologische Kybernetik in Tübingen wie Wahrnehmung unser Denken und Handeln beeinflusst. In seinem Buch „Mein Hirn hat seinen eigenen Kopf“ stellt er nun seine Ergebnisse vor. „Das Gehirn kombiniert den bescheidenen Ausschnitt an Informationen, die ihm von den Sinnesorganen geliefert werden, mit den Erfahrungen, die es bereits abgespeichert hat“, schreibt Chang. Mit der Vielfalt und Komplexität der Welt ist unser Denkorgan aber überfordert. Und so bilden wir seit der Kindheit Schubladen, mit deren Hilfe wir die Welt kategorisieren. So führen unsere Sinneswahrnehmungen, Erfahrungen und die verschiedenen Kategorien in unserem Kopf dazu, dass jeder von uns die Welt anders sieht.

Hören wir also den Begriff Flüchtling, haben wir sofort Bilder im Kopf – aber durchaus sehr unterschiedliche. Bei diesem Prozess wirke sich dazu häufig die gesteuerte Auswahl von Informationen aus, die uns angeboten werden oder die wir uns selbst aussuchen, so der Wissenschaftler. Medien spielen dabei eine große Rolle. „Sie picken heraus, was wir erfahren sollen. Aber auch wir selbst beschränken unsere Sicht auf die Welt durch eine gefährlich einseitige Vorauswahl: Wir wählen unsere Nachrichtenquellen selbst aus und umgeben uns vorzugsweise mit Menschen, die auf möglichst vielen Gebieten dieselben Ansichten vertreten wie wir“, so Chang. Das gibt uns zwar Sicherheit: Wir fühlen uns bestärkt. Es bringt aber mit sich, dass wir uns selbst die Scheuklappen aufsetzen.

Die Urskepsis

Anders verhält es sich, wenn wir jemandem zum ersten Mal begegnen. Da arbeitet unser Gehirn nach einem anderen Muster – und da zählt vor allem Schnelligkeit. „Das hat seinen Ursprung in der Entwicklung des Menschen. Zum Überleben brauchten sie meist nur zwei Schubladen: ‚Ungefährlich' und ‚Könnte gefährlich sein‘“, erklärt Chang. Könnte dieses Knistern im Waldboden von einem Säbelzahntiger oder einem Mitglied meiner Jagdtruppe stammen? Kann ich bleiben oder muss ich wegrennen? Diese Urskepsis war überlebenswichtig und hat sich tief in unser Gehirn eingebrannt – gerade bei Begegnungen mit anderen Artgenossen. Denn neben Säbelzahntigern gehören seit Urzeiten fremde Menschen zu unseren größten Gefahren: Wir kämpfen seit jeher gegeneinander um Vorräte, Sexualpartner oder Jagdreviere.

„Vor diesem Hintergrund ist es nicht verwunderlich, dass wir gelernt haben nur den Mitgliedern unserer Gruppe zu trauen“, schreibt der Neurowissenschaftler. Aber wie erkennen wir, wer zu uns gehört? „Das Gehirn nutzt dafür jedes erdenkliche Anzeichen, angefangen mit den sichtbaren Unterschieden bis hin zu kaum Merklichen Abweichungen von der Gruppennorm“, erklärt Chang. So sehen wir eine andere Hautfarbe erst mal als fremd an. Spricht die Person eine andere Sprache, outet sie sich ebenfalls als fremd. Und auch die Kleidung sagt aus, ob jemand zu unserer Gruppe gehört oder nicht.

Umdenken ist möglich

Diese – unbewusste – Einordnung in „Mitglied meiner Gruppe“ oder „gruppenfremd“ bestimmt bis heute, wie wir bei der ersten Begegnung denken und handeln. Das wird gefährlich, wenn es dadurch zu Ausgrenzung kommt. Dann kann schnell aus einem Stereotyp Rassismus werden.

Sind wir machtlos gegenüber unseren Urinstinkten? Die Wissenschaft gibt eine eindeutige Antwort: Nein. „Unser Gehirn ist fähig umzudenken“, beruhigt Chang. Das Mittel gegen die Angst ist laut dem Forscher seinen Horizont immer wieder zu erweitern. Denn: Je mehr Informationen unser Gehirn sammelt, je mehr Menschen es kennenlernt, desto größer ist der Erfahrungsschatz, mit dem es Neuem begegnet. Dabei müssen wir mehr wie Kinder sein, rät der Wissenschaftler: Sie sind noch unvoreingenommen.

Sich die vorgefertigten Bilder und Urteile selbst einzugestehen, ist der erste Schritt, die Mauern im Kopf einzureißen. Doch was passiert, wenn man sich deren Existenz gar nicht erst bewusst ist?

Infobox: Mehr zu Andrea Brack und ihrer Recherche "Mauern im Kopf" findest Du auf der Plattform shorthand. Auch auf upgration.de kannst Du den persönlicheren, weiteren Teil ihrer Geschichte lesen.


Text und Videos: Andrea Brack

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