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Oliven zum Frühstück

von Susanne Stang

"Die Insel Ischia ist umgeben von Sandstränden, die trotz des vulkanischen Ursprungs der Insel eine helle Farbe haben. Zusätzlich sind …"
Eva, über das Geländer des Sonnendecks gelehnt, folgt nur unkonzentriert den Ausführungen ihrer Freundin Elke. Zu eindrucksvoll ist die zauberhafte Insel, auf die ihrer Fähre gerade Kurs hält. Die mit Händen zu greifende Postkartenromantik lässt sie alles vergessen, die überstürzte Abreise, Matthias mit seinen Golfreisen, die wohl keine waren, das Ende einer langen Beziehung, einfach alles. Das, worauf sie jetzt zuhalten, schlägt sie sofort in den Bann, gut dass sie auf Elke gehört hat! „Es wird Zeit, dass du mal rauskommst und diesen Kerl vergisst …“

In der Villa Rosa, einer umgebauten Patriziervilla mit traumhaftem Garten, lässt sich Eva erleichtert aufs Bett fallen. Am liebsten würde sie schlafen und alles vergessen. Vom Gasthof gegenüber, „Ill gatto nero“ steht auf dem weissen Messingschild, dringen Stimmengewirr und köstliche Gerüche herüber. Eva sieht neugierig aus dem Fenster. Wäre das nichts für Abendessen? Langsam regt sich in ihr doch die Unternehmungslust. Unschlüssig betrachtet sie sich im Spiegel. Ja, sie ist über 60, aber schließlich hat sie sich extra den grünen Jumpsuit gekauft und was solls, die Falten sind schließlich vom Lachen und sie will ja niemanden kennenlernen! Sie bürstet sich die blonden Haare, greift nach der Sonnenbrille und lässt den Strohhut liegen. Sie kann Hüte nicht ausstehen und hat auch noch keinen gefunden, der ihr irgendwie schmeicheln würde. Sie lächelt sich aufmunternd zu und schließt die Tür hinter sich.

Es wird Abend auf Ischia, im Garten des Gatto Nero tanzen die Glühwürmchen und Elke und Eva sitzen an einem kleinen Tisch in der Nähe der Tanzfläche und genießen die Atmosphäre. Ein kleiner, fast hagerer Mann mit dunklen Augen und lockigem schwarzen Haar kommt auf die Bühne, auf der ein Klavier steht.
„Lorenzo“ flüstert schmachtend eine braun gebrannte Mittvierzigerin hinter Elke.
Er verzieht keine Miene und beginnt sofort zu spielen und zu singen. Eine Stimme wie dunkler Samt, trotzdem kratzig und rau. Eva beobachtet ihn fasziniert, er ist nicht mehr jung und wohl auch nicht im landläufigen Sinn attraktiv, aber seine Stimme berührt sie im Innersten. Sie fasst sich ein Herz, und in der Pause geht sie auf ihn zu.
„Könnten Sie etwas von Eros Ramazotti spielen, bitte?"
Er zieht die dichten Brauen hoch und zögert einen Moment: „No Signora, so etwas singe ich nicht.“
Eva spürt, wie ihr die Schamesröte ins Gesicht steigt: „Was für ein arroganter Affe!“
Aber jetzt lächelt er leicht, in gebrochenem Deutsch sagt er: „Aber sie können etwas mit mir singen wenn sie wollen."
Eva erstarrt. Das einzige Lied, dessen Text sie vollständig kann, ist „Que sera“ von Doris Day. Soll sie sich wirklich lächerlich machen? Nein, sie wird sich jetzt keine Blöße geben.
„Ich muss nur schnell meine Brille holen, haben Sie Que Sera bei Ihren Noten?“
„Kein Problem, ich warte.“
Sie rennt zum Tisch zurück, vorbei an der fassungslosen Elke, greift ihre Brille und eilt zum Klavier. Bei den ersten Klängen der Musik wird sie ganz ruhig und zusammen mit seiner wunderbaren rauhen Stimme singen sie gemeinsam den alten Walzer. Applaus brandet auf, sie kann nicht fassen, was sie gerade gewagt hat.
„Ich muss nachher auf die Hochzeit eines Freundes, wollen Sie mich begleiten Signora“?
„Darf meine Freundin auch mit?“
Das ist alles was sie dazu zu sagen hat und Elke ist das erste Mal sprachlos vor Erstaunen. Später am Abend geht er mit Elke und Eva durch die kleinen Gassen bis an den Strand, wo eine Diskothek liegt. Lorenzo spielt auch dort noch bis weit nach Mitternacht, Eva spürt keine Müdigkeit, sie wartet auf irgendetwas, von dem sie nicht weiß, was es werden wird. Endlich neigt sich die Feier dem Ende zu, er steht auf und geht zu den beiden Frauen.
„Darf ich die Signora noch mitnehmen?", fragt er höflich in Richtung Elke, die irritiert zustimmt, nicht ohne einen warnenden Blick in Evas Richtung zu werfen.

Später, längst beim Du angekommen, führt er Eva an den Strand: „Ich habe ein Geschenk für deine Augen, siehst du?“
Vor ihr liegt das beleuchtete Ischia, über ihr die Sterne und das funkelnde Meer. Es ist viel zu kitschig, um wahr zu sein. Sie fröstelt und er legt ihr den Arm um die Schultern.
„Kommst du mit mir?“
Seine Stimme ist warm und rau, sie nickt einfach, weg ist die kontrollierte, kultivierte Eva, sie will einfach nur bei ihm sein. Das Zimmer ist zur Untermiete in einem kleinen Haus in Forio, einfache Möbel, Plastikblumen, egal. Es ist viele Jahre her, dass sie ein fremder Mann nackt gesehen hat, es ist so einfach, wie sie es nie für möglich gehalten hätte. Er ist nicht zärtlich, rauh und kratzig wie seine Stimme, aber es ist so eine Befreiung für sie, dass ihr die Tränen in die Augen steigen. Arm in Arm schlafen sie ein, verschwitzt und ein bisschen wie in Trance.

Als sie die Augen öffnet, sieht er sie an: „Lange keine Frau mehr hier“ sagt er heiser und sie möchte ihm das glauben. „Frühstück?"
Er hält ihr eine Schüssel Oliven hin, ausgerechnet! Sie verabscheut den Geschmack, lächelt und sagt: „Danke, ich muss los, meine Freundin macht sich sicher Sorgen.
Er nickt: „Wir sehn uns heute Abend im El Gatto?“
Sie läuft fast davon, was hat sie gemacht, sie ist doch kein junges Mädchen mehr!? Erst am Hotel bemerkt sie, dass sie barfuss ist, egal! Elke ist außer sich vor Sorge, was hätte alles passieren können! Beim Frühstück erzählt Eva ein bisschen, alle sehen sie an, sie strahlt etwas aus, was auffällt.
Es folgen sonnenflirrende Tage und samtige Nächte, er spielt Gitarre für sie, sie erkennt seine zerrissene Musikerseele, das Hadern mit dem, was er spielen soll und nicht will, die Angst vor dem Winter auf der Insel, betäubt mit viel Tequila. Ein altes Paar geht Hand in Hand am Strand entlang, er folgt ihrem Blick: Willst du das auch? Sie nickt, in diesem Moment möchte sie nichts anderes.

Am Abreisetag regnet es, wie passend. Er bringt sie zum Taxi, sie steht im Regen, untypisch ohne Schirm, es läuft sowieso alles davon, warum nicht auch die Schminke und die Tränen?
„Wir sehn uns wieder, bitte versprich mir, dass es nicht vorbei ist!“
Er nickt, „Kommst du zurück?“
"Ja, ja, ganz bestimmt“, sie dreht sich um und steigt ins Taxi. Er steht mitten auf der Straße bis es nicht mehr zu sehen ist. Elke seufzt: So, jetzt geht das normale Leben wieder los, ganz gut so. Zuhause wird sie gleich Urlaub beantragen, sie muss zurück, alles ist anders geworden. Am Telefon, seine Stimme klingt fremd, er hat ein Engagement in Südtirol für den Winter, er will runter von der Insel, sie hört etwas in seiner Stimme und weiß, es ist vorbei.
Am Morgen in der Ubahn lehnt sie ihr tränennasses Gesicht an die Scheibe und alles ist so nah und trotzdem sie ist anders geworden, offener, selbstbewusster. Sie weiß, es wird etwas Neues kommen. Der Mann gegenüber hat schöne blaue Augen, er lächelt. Sie lächelt zurück. Sie ist bereit.

Text: Susanne Stang wurde 16.9.57 in Pfaffenhofen bei Roth geboren. Sie ist verheiratet (übrigens mit dem Mann mit den blauen Augen vom Schluss der Geschichte). Sie hat vier Enkeltöchter, für die sie aktuell an einem Kinderbuch arbeitet. Seit 46 Jahren arbeitet Susanne in einer grossen Bibliothek und ist nebenberuflich als freie Traurednerin bei glücksmarie bonn tätig.

Foto: Nader Ismail



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