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So wie es ist

Der interaktive Film „Undocumented“ erzählt die Geschichten von zwei Männern und einer Frau im Bürgerkriegsland Syrien. Nicht nur die Erzählweise macht die Produktion sehenswert – sie zeigt, dass das alte System überkommen ist.

Als wir abends zusammen saßen, in üblicher Runde aber das erste Mal bei Nader zuhause, ging es irgendwann – wie so oft – um Filme. Welche Filme sollte man gesehen haben? Was sind die Kultfilme des deutschen Kinos? Was kennt jeder? Schnell fielen Namen wie "Das Boot", "Lola rennt", "Goodbye Lenin", "Sonnenallee", "Der Baader Meinhof Komplex", dann "Lammbock", und Soulkitchen. Über die Serie "Babylon Berlin" kamen wir schließlich auf amerikanische Serien zu sprechen, wer was wie guckt, waren in Hollywood und dabei, dass erstaunlicherweise jeder Film mit Leonardo di Caprio "sehr gut" sei. Eigentlich sollten wir überhaupt viel öfter zusammen ins Kino gehen, nicht unbedingt in den nächsten Star Wars, sondern wie wäre es mit der Doku XY im kleinen Filmpalast an der Ecke … Wir schnatterten den viel zu oft gemachten Small Talk, wiederholten längst gefundene Meinungen, kamen über den ergebnislosen Abgleich unserer identischen Identitäten nicht hinaus. Solange, bis ein riesengroßer Elefant im Zimmer stand: Nader, gibt es syrische Filme oder Serien, die man gesehen haben sollte?

Naja. Also eine neue Serie gebe es da, ja. Die sei aber nicht unbedingt witzig, meinte Nader – sie zeige eher, wie es ist. Und "Serie" sei auch nicht ganz richtig, denn es sei eigentlich ein interaktiver Episodenfilm bei YouTube, auf Arabisch "Bidune Kaid", das so viel hieß wie "ohne Einschränkungen". Die Videos seien auf Arabisch, mit englischen Untertiteln. Der arabische Titel sei für mich wohl schwer zu finden, aber er schicke mir den Link.

"Undocumented", so der englische Titel, erklärt mir nicht die politischen Konflikte in Syrien und dennoch habe ich nach den 110 Minuten das Gefühl, etwas verstanden zu haben. Es ist die Atmosphäre, die permanente Unsicherheit, das Ruhelose, das Ausweglose, die Unmöglichkeit zu vertrauen. Der Episodenfilm beginnt mit einem Intro: Unabhängig voneinander unterwegs sind ein älterer Mann auf der Ladefläche eines Kleinbusses, eine Frau mit Kind in einem Auto und ein junger Mann mit mehreren verletzten Personen in einem Jeep. Alle drei kommen an einer Tankstelle an. Sie kennen sich untereinander, ihre Biographien scheinen verwoben. Dennoch haben sie nicht miteinander gerechnet. Die Situation droht zu kippen.

Nach dem Intro stehe ich vor der Wahl: Ich kann einen der drei Protagonisten auswählen und herausfinden, was die Person zur Tankstelle führte. Neun kurze Videos pro Protagonist erzählen extrem spannungsgeladene Ausschnitte, mit musikalischer Untermalung, die sich situativ und personell verändert, und mit einer Kamera, die nah, fast dokumentarisch, am Geschehen ist.

Nach und nach folge ich der Landschaftsingenieurin Reem Salahme (dargestellt von Abeer Hariri), dem Hauslehrer Karim Khoulki (Yanal Mansour) und dem Colonel Wafiq El Hakim (Rafi Wahbe). Ich sehe, wo sich die Wege kreuzen, erfahre, was das Handeln des einen oder der anderen bedingt, finde Antworten auf Rätsel und muss im Verlauf des Films meine erste Einschätzung eines Charakters ändern. Die drei völlig unterschiedlichen Protagonisten, mehr oder minder normale Bürger*innen des Landes, eint, dass sie das korrupte Spiel, das um sie herum würfelt, sticht und zieht, ab einem bestimmten Zeitpunkt nicht mehr mitmachen. Sie fallen raus. Am Ende jeder Geschichte befinden sich Reem, Karim und der Colonel auf dem Weg zur Anfangsszene. Das letzte Video von "Undocumented" führt alle drei wieder zusammen. Wohin jetzt? Eine Entscheidung für die Zukunft steht an.

Die syrisch-libanesische Koproduktion unter der Regie von Amin Dora wurde bewusst in den sozialen Medien platziert, um sie "ohne Einschränkungen" durch Staat oder Medienanstalten umsetzen zu können. Und auch jenseits der Aufklärung über die Situation in Syrien ist die innovative Produktion sehenswert. Allein schon die Erzählweise des Films ist außergewöhnlich. Der interaktive Film stößt vor in die Bereiche der nonlinearen Erzählweise, bei der der Zuschauer selbst entscheidet, welchen Strängen der Geschichte er wann folgen möchte. Das Prinzip des Episodenfilms haben Amin Dora und der Drehbuchautor Bassem Breish bereits 2013 erprobt mit der Serie "Shankaboot", welche die Erlebnisse eines 15-jährigen Lieferjungen in Beirut erzählt. Zusätzlich zu den fünfminütigen Videos existierte ein Forum, in dem die Zuschauer selbst die Themen der Serie weiterspinnen konnten, Workshops wurden veranstaltet, Techniken des Films und des Schnitts vermittelt. Daraus entstand ein viel prämierter, multimedialer Komplex.

Nicht allein durch die Wahl der unterschiedlichen Charaktere in "Bidune Kaid/Undocumented", sondern auch durch die Auswahlmöglichkeit des Zuschauers erfolgt ein hohes Maß der Identifikation und der Auseinandersetzung mit den Protagonisten – ein Effekt, der zusammen mit der spannungsreichen Schnelllebigkeit des Films dazu führt, dass der Zuschauer dem Geschehen weiter folgen will.

Infobox: Der interaktive Film "Undocumented", Regie Amin Dora, hat eine eigene Website. Einen tieferen Einblick in die Rolle der Sozialen Medien für die Filmschaffenden von "Undocumented" findet sich auf der Plattform "Middle East Eye".


Autorin: Paula Schwerdtfeger

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