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Unbekannt verzogen

Will ich wirklich wissen, wo du bist? Mir diese Frage zu stellen bedeutet, mir im Klaren zu sein, wo du nicht mehr bist. Heißt auch: Du warst einmal.

von Stefanie Schweizer

Will ich wirklich wissen, wo du bist? Mir diese Frage zu stellen bedeutet nämlich auch, mir im Klaren zu sein, wo du nicht mehr bist. Heißt auch: Du warst einmal. Ich musste mich nie um dich bemühen, keinen Finger krumm machen, Grenzen überwinden oder andere Sprachen lernen. Du warst da. Geschenkt. Eine Prämie der Bonuspunktesammlung zur Geburt. Vergeben à la Chatroulette. Aus Zufall. Ich fand dich in so vielem. In einer warmen Umarmung. In einem langen Blick, wenn einer unserer Songs im Radio lief. Im mitternächtlichen Glas Wein in der Küche. In der Erinnerung an das sonntägliche Pizzabacken. In der naiven Annahme, das Haus meiner Kindheit sei unantastbar. Und trotzdem hüpfen heute eine Handvoll Pfleger und Pflegerinnen im Schichtsystem durchs Wohnzimmer und versorgen die Situation, die wir jetzt Heimat nennen.

An welchem Strand liegst du gerade? Wo lässt du dir die Sonne auf den Pelz scheinen? Hast du wenigstens All Inclusive gebucht? Ich durchleide hier nämlich eine Durststrecke. Ich tappe im Dunklen, wo geht das Licht an? Du hast den Strom abgestellt, Arschgesicht. Ich kann mit dem Finger auf Orte im Haus zeigen und sagen: Da. Da und da. Warst du. Hast dich jetzt breit gemacht. Als Erinnerung, was dann aber auch wieder heißt: Du bist gewesen. Seit drei Jahren. Seit der Diagnose. Seit Intensivstation. Beatmung. Heimpflege. Altern auf der Überholspur. Und du bist ohne jeden Hinweis, heimlich, Stück für Stück verschwunden. Kein Zettel. Keine Nachricht. Aus einem Haus, das rein optisch so aussieht wie immer. Wie Alltag. Das selbst gemachte Namensschild am Eingang. Die Töpfe links unten in der Schublade. Die Schramme im Holz des Wohnzimmerbodens.

»Hast du wenigstens All Inclusive gebucht?«

Ich hatte ja keine Ahnung, dass du mir so wichtig bist. Dass du bisher noch keine Postkarte geschrieben hast, verletzt mich schon. Ich wache morgens auf. Du bist nicht da und ich lege meine Hände aufs Gesicht. Ich denke: Das passiert wirklich. Und ich werde wütend. Wütend, dass du einfach gegangen bist. Dass ich weiß, dass du nicht wieder kommst. Und dass eigentlich weder du noch ich was dafür können. Dass eine meiner größten Sorgen ist, alle Infektionen noch an der Türklinke zu vernichten. Was soll ich denn da bitte sagen? Es könnte schlimmer sein. Wie verrückt ist es denn, wenn das der einzige Gedanke ist, der mich über Wasser hält.

»Was soll ich denn da bitte sagen?«

Du bist weg. Ich bin da. Und: Von mir aus. Ich verzeihe dir das. Aber sag mir nur eine Sache: Wie soll ich das denn jetzt nennen, hast du da schon mal dran gedacht? Diese aufeinander geklebten Backsteine mit Spitzdach und Blick aufs Dorf. Diese Quadratmeter ohne dich. Dieses Zuhause ohne Heimat.


Text: Stefanie Schweizer | Graphik: Marlene Ost |

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