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Vorfeld

Erst ziemlich spät begriff ich, dass mein Onkel Hartmann, der Sohn meiner Großmutter, Mamas kleiner Bruder, der aus der Stasihaft, also der Schachspieler, der mit dem Fluchtversuch, ich begriff erst viel später, dass dieser Onkel irgendwie Russe war. Eigentlich oder gewissermaßen. Er hob sich nicht nur optisch durch seinem schwarzen Vollbart und die dunkel glitzernden Augen gut erkennbar von der pigmentarmen restlichen Verwandtschaft ab, und er war nicht nur der einzige in der Familie, der statt schmal und lang gewachsen muskulös mit mächtigem Brustumfang beeindrucken konnte. Sein Geburtsdatum lag mit Anfang 46 irgendwie auch außerhalb jeder Reichweite des letzten Fronturlaubs meines Großvaters, und außerdem hatte meine Großmutter damals ja sowieso Russen im Haus.

Da gab es die Geschichte von den drei, die Geburt des Knaben im Nachbarraum besorgt erwartenden russischen Offizieren. Sie war in die Familiensaga eingegangen und so selbstverständlich, dass mir die zentrale Bedeutung der Episode lange verschlossen blieb. Die drei Uniformierten waren jedenfalls der Freude voll, so wurde berichtet, als meine Urgroßmutter, die auch mitspielt, und welche man sich breit und mächtig vorstellen darf, als diese den wartenden Offizieren verkünden konnte, dass nicht nur Mutter und Kind wohl auf, sondern dass das Neugeborene ein Junge sei. Die Herren kamen in Ausgehuniformen an das Bett meiner Großmutter und begrüßten das Kind und gratulierten, und waren so voll der Freude, dass Mützen geworfen wurden, und gefangen, und das kleine Mädchen, das meine Mutter war. Und mein Onkel Hartmann lag im Arm eines russischen Offiziers, frisch geboren, und zum Glück war der Herr mit den Orden vorsichtig und verletzte nicht das winzige Baby, als er es an seine breite Brust presste.

So erzählte man es sich in der Familie, wenn es nach Westkaffee duftete und der gedeckte Apfelkuchen auf der Glasplatte auf die leinene Tischdecke des ovalen Eichentischs gestellt wurde, unter dem Hängeleuchter mit den Korblampenschirmen, und meine Großmutter lächelte fein.

Mein Onkel war also irgendwie Russe, so begriff ich eines Tages, und das war eine Sensation.
Ich hatte etwas verstanden, das klar auf der Hand lag, ohne je erwähnt zu werden, so wenig, dass es definitiv nicht stimmen konnte, was es dennoch offensichtlich tat.

So war das also, der Onkel war gar kein Westonkel, wonach es zunächst für mich ausgesehen hatte, nachdem der Westen ihn irgendwann aus Bautzen frei gekauft hatte und der Onkel dann in Lübeck Obdachloser wurde. Er war kein Westonkel sondern ein Russenonkel.

Da war noch eine Szene, die so oft erzählt worden war, dass es mir schien, ich hätte sie auf Leinwand gesehen.
Die Geschichte von dem verzweifelten russischen Offizier, der den Befehl bekommen hatte abzumarschieren, fort aus dem Wohnzimmer meiner Großmutter, und wie dieser Offizier den kleinen Jungen auf dem Knie wippte und wieder und wieder rief: „Komm mit Kamerad, nach Russland!“.

Und meine Großmutter hatte schreckliche Angst, dass der weinende Offizier den Jungen wirklich mitnehmen würde, so schloss immer diese Geschichte.

Und irgendwie schwebte, wenn der Bericht zu Ende war und es still wurde im Zimmer, all der Kummer im Raum, den es ansonsten noch gegeben haben mag, als der russische Offizier kam, da war und ging.

Wie der Regen, unkontrollierbar, eine Naturgewalt.

Und irgendwann begriff ich es, es ging nicht nur um Sorgen, es ging auch um Sehnsucht. Sie hatte ihn nicht nur gefürchtet sondern manchmal auch vermisst, den Regen, der so gefährlich er sein konnte, und genau so den Russen, den unberechenbaren.

Text & Illustration:  Juliane Ebner wurde 1970 in Stralsund geboren und war nach dem Studium der Kirchenmusik an der Hochschule Dresden als Organistin in Potsdam und Neumünster tätig. Später widmete sie sich dem Studium der Theologie an der Uni Kiel und dem Studium der Freien Kunst an der Kunsthochschule Kiel. Seit 2007 lebt und arbeitet sie als freie Künstlerin und Filmemacherin in Berlin. Ihre vielfältigen Werke wurden bereits auf zahlreichen Ausstellungen im In- und Ausland ausgestellt und ausgezeichnet. Für ihre Filmprojekte erhielt sie u. a. den Deutschen Kurzfilmpreis 2017 und den Best Director - Animation Award des Indian World Film Festival, 2018 u.a. den „Animation Short Film Award“ Ciudad Del Este Independent Film Festival Paraguay und 2019 „Best Animation Or Animated Sequence Fusion Film Festival London, UK. www.juliane-ebner.de

 

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