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Wahlberechtigung?

von Kerem Zor

Für jeden und jede ist Heimat etwas anderes. Können wir wählen, wo wir uns zuhause fühlen? Ich habe die Türkei verlassen und lebe nun in Deutschland. Auf der Reise meines Lebens hat sich vieles für mich verändert.

Jahre addieren sich nur auf deinem Alter. Reisen erweitern deine Sicht und Lesen dein Wissen.
Ich habe sehr spät angefangen zu reisen. Zu dem Zeitpunkt, an dem heutige 19-20-Jährige schon fast überall auf dieser Welt gewesen sind, habe ich in der Türkei studiert und gearbeitet. Ach die Türkei…. Mein „Heimatland“. Land der politischen und religiösen Korruption. Wieso nenne ich es immer noch meine Heimat ? Ich heiße Kerem. Ich bin in Deutschland geboren und in Antalya / Türkei aufgewachsen. 19 Jahre habe ich in dieser Stadt gelebt. Ich bin nach Deutschland zurück gekommen, weil ich einfach nicht für die Sicht dieser türkischen Regierung bereit war. Ich war nicht bereit, meine Freiheit aufzugeben, aber ein Teil von mir ist immer dort, in meiner Heimat, geblieben. Und ich erzähle euch warum.

Viele türkische Menschen sind sehr stolz zu dieser, ihrer Nation zu gehören. Es ist ein Bestandteil unser Geschichte und Kultur. Das Volk, die Nation, heldenhaft und ehrenvoll. Es gab eine Zeit, in der ich das auch dachte. Ich wollte zum Militär, um meine Familie stolz zu machen und mein Heimatland zu verteidigen. Ich war bereit, dafür zu sterben. Oh, du heiliger Kosmos!

 

Als ich angefangen habe in der Tourismusbranche zu arbeiten, lernte ich mit der Zeit verschiedene Kulturen näher kennen. Ich begann mir meine Gedanken zu machen und habe gemerkt, dass es mehr auf dieser Welt gibt und ich auf vieles davon gerade erst aufmerksam wurde.
Mir ist aufgefallen, dass sich viele türkische Menschen im Käfig ihrer eigenen Ideale gefangen halten. Schade eigentlich. Sie hätten soviel von andere Kulturen zu lernen und könnten andere auch etwas lehren.
In der Universität hatten wir unter Freunden mal eine Unterhaltung über die Frage „Wenn du deine Heimat wählen könntest, woher würdest du gerne kommen wollen?“
Einige antworteten sogar „Kripton“ oder auch „Pandora“. Meine Antwort war, dass ich gerne als Lateinamerikaner geboren worden wäre.
Heute belustigt mich meine Antwort von damals und ich kann nur den Kopf schütteln. Mein Vater hatte mich durch die Bilder und Erzählungen von seinen Reisen in diesen Teil der Welt so sehr beeindruckt. Ich bewunderte die Menschen, deren Ausstrahlung, die Sprache, sie kamen mir einfach sehr sympathisch und besser vor und ich fand sie attraktiv. Meine Entscheidung basierte vor allem auf oberflächlichen Annahmen und Eindrücken, ohne dass ich selbst jemals einen Fuß auf besagten Kontinent gesetzt hatte. Heute weiß ich das mein Vater mir vor allem unterschiedliche Kulturen näher bringen wollte, mir zeigen wollte wie andere Menschen leben.

Jetzt finde ich den Gedanken idiotisch, zu einem Land gehören zu wollen. Ein Land ist nur ein Fleck auf einer Karte, die von uns Menschen gezeichnet wurde. Mit der Zeit habe ich es gelernt. Durch meine Reisen und das Kennenlernen anderer Kulturen habe ich einen Eindruck bekomme wie andere Menschen leben. Ich war früher so überzeugt von dem Lebensstil anderer, dass ich diesen adaptieren wollte. Aber diese Orte dann auch Heimat zu nennen?…. Es ist nicht so einfach. Es gehört mehr dazu, etwas Heimat zu nennen, als nur den Lebensstil zu mögen.

Nachdem ich nach Deutschland kam, habe ich gemerkt, wie sehr ich meine Heimat vermisse. Ich lebte nicht mit viel Geld. Mit dem was ich verdiente, hätte ich nie die Träume leben können, die ich in Deutschland habe. Aber es fehlte etwas, das mehr wert war. Es war meine Familie, die fehlte. Nicht nur Blutsverwandte, sondern auch meine Freunde. Meine Freundschaften von 15 Jahren. Wir haben alles geteilt. Wir haben die guten Zeiten und die schlechtesten Zeiten zusammen erlebt und gemeistert. Wir haben unser Essen und Wasser geteilt. Deswegen ist die Türkei meine Heimat.
Nach dem anfänglichen Kampf sich hier in Deutschland anzupassen, habe ich schließlich diese Kontakte, die ich aus der Türkei vermisste, auch in Deutschland finden können. Ich hatte wieder Menschen in meinem Leben, die für mich da waren, und für die ich da sein konnte. Wir teilten wieder. Wir teilten Glück, Aufregung, Trauer – Alles. Das ist, warum ich auch Deutschland inzwischen meine Heimat nennen kann.

Heimat ist der Ort, wo du erwartet wirst, wo die Menschen dich mit offenen Arme begrüßen. Heimat ist dort, wo du diese Kontakte aufbauen kannst. Ich werde niemals erlauben, dass mein kulturelles Erbe für mich bestimmt, wo ich hingehöre. Ich gehöre weder in die Türkei, noch nach Deutschland. Ich gehöre zu meiner Familie und zu meinen Freunden. Nationalität ist nur eine Marke. Heimat ist dein Leben.

»Nationalität ist nur eine Marke. Heimat ist dein Leben..«

 


Autor: Kerem Zor | Fotos: Kerem Zor | Grafik: Marlene Obst |

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